„Ja, es ist aber so! Neulich hast du mir doch meinen Ball abgebettelt – und am andern Tag spielten die ungezogenen Franks-Kinder damit auf der Straße.“

„Ach, die sind gar nicht so arg ungezogen“, rief Anna eifrig; „sie sind nur so schrecklich arm, und haben gar nichts zum Spielen, und sie sahen so sehnsüchtig nach dem Ball, als ich vorbeikam, da hab' ich ihn ihnen halt gegeben.“

„Na ja, es ist mir ja auch recht“, sagte Rudi; währenddessen flüsterte klein Toni ihrer Schwester Anna ins Ohr: „Du, wenn wir heimkommen, da geb' ich dir eins von meinen Bilderbüchern für die Franks-Kinder, und – ja was denn noch ...!“

„Ein Püppchen?“

„Ach nein, Änne, die Franks sind so wild und so schmutzig, sie würden zu grob mit dem armen Püppchen umgehen, das täte mir zu leid.“

„Dummes, das Püppchen fühlt's ja nicht!“

„Ach ja, ich kann's aber doch nicht sehen. Und weißt du, wie ich neulich abends in meinem Bettchen geweint hab' und wie du mich gefragt hast, warum ich weine, wie ich dir's dann aber nicht sagen wollte, da hab' ich nur geweint, weil mir auf einmal eingefallen ist, daß ich mein Gretelchen im Nähzimmer liegengelassen habe, und weil ich nun gedacht habe, das arme Püppchen liegt nun ganz allein und verlassen im dunkeln Nähzimmer, es hat kalt und ist traurig, weil ich es nicht ins Bettchen gelegt und ihm nicht ‚Gute Nacht‘ gesagt hab'.“

Inzwischen hatten die andern weitergespielt, und Toni sah ganz verdutzt aus, als Otto sie anrief: „Holla, Toni, du hast nicht aufgepaßt, schnell ein Pfand her!“ –

Nicht minder groß war das Vergnügen der Kinder beim Auslösen der Pfänder; besonders Anna zeichnete sich wieder aus durch ihre tollen Einfälle, als sie, um ihren Kreisel wieder zu erhalten, einen Blick in die Zukunft tun mußte. Man verband ihr die Augen, und so oft Tante Toni fragte, was sie diesem und jenem prophezeie, und dabei einen der Mitspielenden bezeichnete, mußte sie irgend etwas sagen, natürlich ohne selbst zu wissen, wem es galt.

„Ich glaube, du hast gespitzt“, klagte Mariechen, als sie prophezeit bekam, daß sie mal Generaloberin aller bestehenden und nichtbestehenden Orden und Klöster werden sollte. Als Anna dann aber den Philipp zu einer Urgroßmutter machte und Lilly zum Erzbischof ernannte, da glaubte man ihr, daß sie nicht hinter dem Tuch hervorgeschaut hatte. Otto ärgerte sich wieder sehr, als ihm verkündet wurde, er müsse einmal als Orgeldreher die Welt durchwandern; als aber Tante Toni das Amt eines Kasperltheaterdirektors und Paul das Los einer emanzipierten alten Jungfer in Aussicht gestellt wurde, da stimmte er doch in die Heiterkeit der übrigen ein. Zuletzt deutete die Tante auf klein Toni, und als Anna verkündete: „Das wird einmal eine entsetzlich böse Schwiegermutter“, da machte die Kleine ein ganz trübseliges Gesichtchen und sagte: „Aber nein, das möchte ich nicht werden.“ Während alle lachten, riß Anna sich das Tuch vom Gesicht und rief aus: „So, du bist also auch nicht zufrieden mit meinen Prophezeiungen? Was hätte ich dir denn sagen sollen?“