„Nun, meine lieben Kinder, erklärt mir doch einmal, was habt ihr denn mit der alten Babett gehabt?“

Die beiden Kinder schwiegen und ließen die Köpfe hängen. Die Tante fuhr fort: „Ich hätte ja Babett selbst fragen können, aber ich wollte es lieber von euch hören.“

Endlich entschloß sich Otto zu reden, und er sagte wegwerfend: „Ach, Tante, es ist ja gar nichts so Besonderes, und es ist eigentlich gar nicht der Rede wert. Die Babett ist halt so alt und so häßlich, und sie wird oft ‚die alte Hex‘ genannt, und wir, die Anna, die Lilly und ich, sind einmal dazugekommen, wie ein paar Kinder auf der Straße ihr nachgerufen haben: ‚Alte Hex, böse, alte Hex!‘ Nun, und da haben wir halt ein bißchen mitgeschrien – das ist alles.“

„O Otto, wie du das sagst!“

„Nun, das ist doch nicht so schlimm und nicht der Mühe wert, so viel Aufhebens davon zu machen!“

„Es tut mir leid, Otto, daß du die Sache so leicht nimmst, besonders da du doch vorhin gesehen hast, wie nahe es der guten Alten gegangen ist. Von eurer frühesten Kindheit an habt ihr gelernt, daß man das Alter ehren soll. Ist nun aber, wie hier bei Babett, das Alter von Gebrechen und Armut begleitet, so ist es doppelt ehrwürdig. Warum habt ihr nicht wenigstens vorhin der Alten ein gutes Wort gesagt wie Anna? Ihr habt doch gesehen, welche Freude ihr das gemacht hat.“

„Aber, Tante, das ist doch unmöglich! Die Anna hat ja gar kein Ehrgefühl, daß sie so eine alte Bettlerin um Verzeihung bittet; wir können uns doch nicht so erniedrigen!“

„Du scheinst mir von Ehrgefühl und Erniedrigung einen sonderbaren Begriff zu haben, mein Junge. Damals, als ihr mit den Gassenkindern die Alte verhöhntet, da habt ihr euch erniedrigt, da habt ihr kein Ehrgefühl gehabt. Anna dagegen hat vorhin Mut und Hochherzigkeit gezeigt, und ich versichere euch, sie ist seitdem in meiner Achtung sehr gestiegen. Ich hielt sie bisher nur für einen lustigen kleinen Taugenichts, jetzt weiß ich aber, daß sie Charakter hat, daß sie ein offenes, mutiges und gutes Kind ist.“

Otto und Lilly sahen sehr erstaunt und etwas beschämt drein. Endlich fragte Lilly leise:

„Tante Toni, hast du uns jetzt nicht mehr lieb?“