„Gewiß hab' ich euch noch lieb!“ rief die Tante warm, und sie zog die beiden Kinder näher zu sich heran. „Gerade weil ich euch so lieb habe, tut es mir weh, wenn ihr nicht seid, wie ihr sein solltet; gerade weil ich euch so lieb habe, möchte ich, daß ihr gute, brave, eures Vaters würdige Kinder werdet! Ihr habt ja beide euern Vater sehr lieb, nicht wahr?“
„O, und wie lieb!“ Die Kinder riefen es aus mit leuchtenden Augen.
„Und wenn er bei euch ist, dann nehmt ihr euch zusammen, dann könnt ihr musterhaft brav sein. Glaubt ihr nicht, daß es ihn sehr kränken würde, wenn er jemals erführe, daß ihr ganz anders seid, sobald er nicht dabei ist? Daß er es bisher noch nicht erfahren hat, das verdankt ihr nur der Güte und Nachsicht eurer Tanten, der Großmut eurer Vettern und Cousinen; aber immer kann es ihm nicht verborgen bleiben. Glaubt mir das nur, Kinder, früher oder später wird er einmal klar sehen, und es wird ihm furchtbar hart sein, wenn er erfahren muß, daß ihr nicht die offenen, wahren, gutherzigen und edelmütigen Kinder seid, für die er euch hält. Davor möchte ich ihn und euch bewahren. Übrigens, lieber Otto, du wirst ja nun bald zur ersten heiligen Kommunion gehen; ich hoffe, du nimmst es recht ernst mit deiner Vorbereitung, und wenn du willst, dann darfst du, so oft du Zeit hast, zu mir kommen. Ich möchte dir so gerne helfen, dich auf diesen großen Tag vorzubereiten.“
„O Tante, das wäre mir freilich recht, sehr recht!“
„Nun gut! Und jetzt wollen wir uns ein bißchen eilen, um die andern einzuholen. Tonichen scheint müde zu sein, sie läßt sich arg von Mariechen ziehen.“
Die andern waren bald eingeholt. Die ermüdete kleine Toni wurde erst von der Tante und Mariechen, dann von Kurt und Philipp „Hockehockestühlchen“ getragen, bis sie ein bißchen ausgeruht war, und so kam man bald wieder in die Nähe der Klosterruine.
„Wir wollen den See entlang gehen“, rief Rudi, „es sind eine Menge kleine Entchen drin und auch zwei junge Schwänchen.“ Und er lief voraus.
„Gib acht, Rudi“, rief ihm Mariechen nach, „der große Schwan ist vielleicht draußen; er ist immer sehr wild, wenn junge Schwänchen dasind, und er ist überhaupt in der letzten Zeit sehr bös, weil einige Buben ihn necken und mit Steinen werfen.“
„Ich werd' mich doch nicht vor einem Schwan fürchten!“ sagte Rudi gekränkt, und er lief weiter, gerade auf den See zu. Tante Toni wollte ihn eben besorgt zurückrufen, da kam er auch schon mit großem Zetergeschrei gelaufen, der Schwan, wild mit den Flügeln schlagend, hinter ihm drein. Es war ein großer, starker Schwan, und er sah so bösartig aus, daß alle Kinder heftig erschraken. Auch Tante Toni erschrak, aber sie faßte ihren Sonnenschirm, und beherzt auf das erboste Tier zugehend, hielt sie ihm denselben entgegen und machte ihn plötzlich mit einem Ruck auf. Der Schwan stutzte, machte kehrt und beeilte sich, wieder in sein Element, ins Wasser, zu kommen. Die Kinder hatten rasch die ausgestandene Angst vergessen, und sie brachen nun in ein herzliches Gelächter über diesen raschen und drolligen Rückzug des Schwans aus.
„Es sah zu komisch aus, Tante, wie du den Schirm dem Schwan grad ins Gesicht aufgemacht hast; so etwas war ihm noch nie passiert, das konnte man ihm ansehen!“ Und Anna lachte, daß ihr die Tränen über die Backen liefen.