„Und wenn wir alle einmal tot und im Himmel sind, bist du dann doch noch unsere Tante, und sagen wir dann auch noch zu unsern Eltern ‚Papa‘ und ‚Mama‘?“

„Aber Leo“, belehrte Toni ihr Brüderchen, „dann sagt man doch: ‚Heiliger Papa‘ und ‚Heilige Mama‘!“

„Aha, ja natürlich“, nickte Leo befriedigt. Tante Toni lächelte, und die beiden samt Minnichen fest an sich drückend sagte sie nur: „Meine lieben, lieben Kinderchen!“

In diesem Augenblick stürzte Gretchen, das Kindermädchen, mit schreckensbleichem Gesicht ins Zimmer und rief aus: „Ach, Fräulein Mehring, denken Sie doch nur – eben ist der Herr Doktor gekommen – unser Kleines soll geimpft werden!“

„Da ist doch nichts dabei, Gretchen; darüber brauchen Sie doch nicht zu erschrecken. Aber ich meinte, das Kind sei schon längst geimpft?“

„Es ist auch schon mal geimpft worden, aber es hat nicht angeschlagen. Ach, Fräulein Mehring, ich kann's nicht mit ansehen; ich werd' ohnmächtig, wenn ich's Minnichen bluten sehe!“

„Bluten! – Was soll denn dem Minnichen geschehen?“ rief Leo ganz erschreckt, während er sich wie schützend vor sein Schwesterchen stellte.

„Da sehen Sie, Gretchen, wie Sie die Kinder erschrecken“, tadelte Tante Toni das Mädchen. „Gehen Sie nur schnell aus dem Zimmer und nehmen Sie Toni und Leo mit. Ich halte die Kleine beim Impfen.“

„Nein, nein, laß mich hier, ich will bei meinem Minnichen bleiben!“ wehrte sich Leo, als Gretchen ihn mit fortnehmen wollte. „Bitte, Tante Toni, laß mich beim armen Minnichen!“

„Aber es geschieht ja deinem Minnichen gar nichts Schlimmes, Kind! Das Impfen tut ja gar nicht weh, es ist kaum wie ein Mückenstich.“