Wie aber der Doktor das Ärmchen fassen wollte, zog Minnichen es rasch zurück und schrie lachend: „Kitzekitz!“

„Es meint, du wolltest's kitzeln“, erklärte Leo dem erstaunten Doktor. Dieser lachte, und diesmal mit festem Griff das Ärmchen fassend, sagte er:

„Nein, kitzeln, das tut der Onkel Doktor nicht. Aber nun paß einmal gut auf – drei nette Pünktchen mach' ich dir da oben hin, drei wirklich nette Pünktchen. Kannst du schon zählen? Also eins, zwei, drei ...!“

Minnichen hielt ganz still und schaute mit großer Aufmerksamkeit dem Doktor zu. Als er fertig war, hielt es ihm das andere Ärmchen auch hin und sagte: „Noch pickpick.“

„Nein, aber so was!“ rief der Doktor verwundert. „Das muß ich sagen, ich hab' doch schon viele Kinder geimpft, es haben auch viele davon recht schön stillgehalten; aber bisher hat doch noch keines verlangt, noch mehr geimpft zu werden!“

Leos Augen leuchteten vor freudigem Stolz, als der Doktor dies sagte, und er versicherte: „Ja, so eins wie mein Minnichen gibt's überhaupt nicht mehr. Und, Onkel Doktor, wenn du erst wüßtest, wie schlau es ist und was es schon alles kann! Denke dir, neulich ...“ Und während die Mutter und Tante Toni die Kleine wieder ankleideten, erzählte er dem Arzt die Heldentaten seines Schwesterchens. Dieser hörte eine Zeitlang freundlich zu, endlich klopfte er dem Bürschchen auf die Schulter und meinte schmunzelnd: „Na, ein Wunder ist es ja nicht bei einem so tüchtigen Lehrmeister. Übermorgen komme ich mal nachsehen, ob es diesmal anschlagen wird. Aber jetzt möchte ich mir das kleine, blasse Fräuleinchen hier ein bißchen näher besehen.“ Damit zog er Tonichen zu sich heran und begann dieselbe zu untersuchen, zu beklopfen und zu behorchen. Er machte dabei ein ernstes Gesicht und schüttelte ein paarmal mit dem Kopf, und erst als er bemerkte, wie Toni ihn mit ihren ernsten blauen Augen gar forschend ansah, versuchte er ein vergnügtes Gesicht zu machen und zu scherzen. Aber das Kind ließ sich nicht täuschen, und sowie es gewahrte, daß die Aufmerksamkeit seiner Mutter durch die kleinen Geschwister in Anspruch genommen war, neigte es sich rasch zum Arzt hin und fragte leise: „Werde ich bald sterben, Onkel Doktor?“

Dieser fuhr erschrocken zurück. Dann zog er klein Toni auf sein Knie, und sanft ihr Köpfchen streichelnd fragte er: „Wie kommst du denn auf diesen Gedanken, du Kleines? Fühlst du dich nicht wohl? Tut dir etwas weh – sag' mir's doch!“

Toni schüttelte das Köpfchen: „Nein, weh tut mir eigentlich nichts. Ich bin nur immer so müd'.“

„Ach geh' doch, vom Müdesein stirbt man doch nicht!“ sagte der Doktor lächelnd, und aufmunternd fügte er hinzu: „Komm, Kindchen, schau nicht so ernst drein, das paßt ja gar nicht für dein Alter. Du sollst vergnügt sein und springen und lachen, so wie dein kleines Schwesterchen da. Hör doch nur, wie es kräht, und schau, wie es zappelt, daß man es kaum halten kann.“

Dann stand der Doktor auf, und die Mutter ging wieder mit ihm hinunter. Als Tante Toni etwas später nachfolgte, da war der Doktor schon fort, aber Tante Toni merkte, daß ihre Schwester geweint hatte.