„Aber warum denn, Lilly? Er war doch schon öfter verreist, und du sagst ja selbst, daß er diesmal nur für einen Tag fort ist!“
„Ja, deshalb ist es auch nicht. Aber diesen Morgen ist ein Polizeidiener gekommen und hat dem Papa einen schrecklich großen Brief gebracht, und da war der Papa sehr aufgeregt, und er hat gesagt, er müsse gleich fort, um wichtige Papiere zu holen. Und Otto meint, dieser große Brief sei eine Vorladung vor Gericht, und er hat auch gehört, wie der Gärtner und der Milchmann zusammen geredet haben und wie sie gesagt haben, die bösen Leute wollten unsern Papa unschädlich machen; und, Tante, ‚unschädlich machen‘, das heißt doch, sie wollen ihn tot machen – der Otto hat es in seiner ‚Tigerjagd‘ gelesen; da steht es: wie der Tiger tot war, da freuten sich die Menschen, weil er nun endlich unschädlich gemacht war.“ Und Lilly brach von neuem in bittere Tränen aus.
Tante Maria aber streichelte ihr die Wangen, und sie wie ein kleines Kind in den Armen wiegend, sagte sie in beruhigendem Ton:
„Da sei du nur ganz ruhig, Lillchen, – das habt ihr beide nicht richtig verstanden; deinem lieben Vater kann und wird nichts geschehen. Alle guten und edeln Menschen haben Gegner – das ist nun einmal so auf der Welt –, und so gibt es auch böse Menschen, die deinen Vater verleumden; aber laß nur die Gerichtsverhandlung kommen, die brauchst du gar nicht zu fürchten; da werden alle Leute erfahren, was für ein guter Mensch dein Vater ist, und seine Verleumder werden bestraft werden.“
Lilly hatte aufmerksam zugehört. „Ja? glaubst du, Tante Maria? Und dem Papa wird nichts geschehen?“ Und das Kind atmete erleichtert auf. Dann sprang es hinaus in den Garten, um dort Anna und die Zwillinge aufzusuchen.
Sechstes Kapitel.
Tante Toni geht mit ihrer Bande auf den Wetterstein. Otto spielt einen schlimmen Streich.
Es war wieder Sonntag und das herrlichste Wetter.
„Heute müssen wir aber einen schönen, großen Spaziergang machen“, sagte Tante Toni auf dem Heimweg von der Kirche; „ich möchte so gerne mal wieder zum Wetterstein gehen – ist euch das nicht zu weit?“