„Otto, Otto!“ riefen nun Tante und Kinder in alle Windrichtungen, aber es erfolgte keine Antwort.

„Das ist recht fatal, denn wir haben uns schon sowieso etwas verspätet!“ Tante Toni schien ein wenig unzufrieden, und nach einigem Nachdenken entschloß sie sich, da alles Rufen vergeblich blieb, die Zwillinge und Philipp nach verschiedenen Richtungen als Kundschafter auszuschicken. „Aber entfernt euch nicht zuweit und ruft von Zeit zu Zeit“, empfahl sie besorgt.

„Ja, und wer ihn findet oder ihn zuerst rufen hört, der stößt ein Indianergeheul aus, damit wir's gleich wissen“, schlug Anna vor; aber sie hatte wenig Erfolg mit ihrem Scherz. Nicht nur die Tante, auch die Kinder hatte ein unheimliches Gefühl beschlichen; es war doch auch zu sonderbar, daß Otto so spurlos verschwunden war. Tante Toni war ganz blaß geworden, und sie sah so niedergeschlagen aus, daß Mariechen sie zu beruhigen suchte, indem sie sagte: „Sorge dich doch nicht so, Tante; es kann ihm ja doch hier nichts zugestoßen sein.“

„Er könnte beim Umherstreifen gefallen sein; es gibt mehrere recht steile und gefährliche Stellen hier am Berg.“

„Dann hätten wir ihn doch schreien hören.“

„Beim Singen konnte uns das leicht entgehen.“

Inzwischen hörte man von Zeit zu Zeit den Zuruf der drei suchenden Knaben. Er klang schwächer und schwächer, dann näherte er sich wieder, aber von Otto keine Antwort.

Die Sonne war schon ganz tief gesunken; im Westen rötete sich der ganze Himmel, aber niemand hatte einen Blick für den herrlichen Sonnenuntergang – alle standen da und warteten und lauschten. Endlich kam Paul zurück, dann Philipp und zuletzt Kurt; niemand sagte ein Wort, die Kinder sahen sich ratlos an, dann richteten sie ihre Blicke erwartungsvoll auf Tante Toni, als ob sie doch helfen könnte und müßte. Aber Tante Toni zitterte, wie wenn sie fröre; sie mußte sich an einen Baum lehnen, um nicht umzufallen; sie fühlte ja die ganze schwere Verantwortung auf sich ruhen. Wie konnte sie denn heimkehren ohne Otto, ohne den Sohn ihres Bruders! Wortlos rang sie die Hände. Auf einmal raffte sie sich auf. „Kinder, kommt, wir wollen beten!“ sagte sie, und inmitten der Kinderschar niederkniend, flehte sie aus tiefstem Herzen: „Unter deinen Schutz und Schirm ...“, und die Kinder stimmten mit ein. Ernst und feierlich hallte das Gebet in die stille Abenddämmerung hinein. Die Vöglein waren schon lange zur Ruhe gegangen, und von der Stadt schimmerten einzelne Lichter herüber.

Plötzlich zuckte Tante Toni zusammen; es hatte sie jemand an der Schulter berührt: es war Mariechen, und diese machte die Tante mit einer leisen Gebärde auf Lilly aufmerksam. Diese schien in der Tat die allgemeine Angst um ihren Bruder gar nicht zu teilen; sie kniete etwas abseits an einen Stein gelehnt, und sie schaute aufmerksam auf einen bestimmten Punkt – eben lächelte sie sogar ein wenig. Tante Toni folgte der Richtung ihres Blickes, und – fast hätte sie laut aufgeschrien. – Dort über dem großen Felsblock bewegte sich etwas; es zeichnete sich scharf gegen den klaren Abendhimmel ab – jetzt verschwand es wieder. – Aber nun verstand Tante Toni alles. Sie erinnerte sich, daß sich oben in diesem Stein eine ziemlich tiefe Mulde befand. Otto war unbemerkt hinter den Stein geschlichen, hinaufgeklettert – gut klettern, das konnte er ja – und hatte sich in die Mulde versteckt. Diese war allerdings oft mit Regenwasser gefüllt, aber es hatte ja nun längere Zeit nicht geregnet.

Tante Toni atmete auf, wie von einer drückenden Last befreit. Und doch fiel es ihr wieder recht schwer aufs Herz, als sie nun daran dachte, daß Otto also all ihre und der Kinder Angst und Sorge mitangesehen und sich trotzdem nicht gezeigt hatte; auch Lilly hatte um Ottos Versteck gewußt und hatte nichts getan, um sie aus der Angst zu befreien. Nach all dem, was sie eben ausgestanden, war das Herz der armen Tante schon ganz erschüttert, und nun kam dazu einerseits das Gefühl der großen Erleichterung, anderseits der Schmerz über Ottos und Lillys Herzlosigkeit. Das alles stürmte auf sie ein, sie konnte nicht mehr widerstehen und brach plötzlich in Tränen aus. Die Kinder sahen sie erschreckt an. Mariechen mit ihrem guten, teilnehmenden Herzen hatte die Gefühle der Tante teilweise erraten und verstanden; sie machte den andern ein Zeichen, so daß diese sich ganz still verhielten und der Tante ein wenig Zeit ließen, um sich wieder zu fassen.