Die Sonne war nun längst versunken, und sogar auf dem Gipfel des Berges hier fing es schon an dämmerig zu werden. Jetzt richtete Tante Toni sich auf, und sie sagte, ohne nach dem Felsblock zu blicken:

„Nun kommt, Kinder, wir haben keinen Augenblick mehr zu verlieren – wir müssen heim.“

Die Kinder schauten erstaunt auf Tante Toni – sie sah so eigen aus und ihre Stimme klang gar nicht wie sonst, aber sie folgten schweigend; nur Lilly blieb stehen und fragte halb ängstlich, halb trotzig: „Und Otto?“

Tante Toni sah Lilly sehr ernst an, als sie antwortete: „Wir warten nicht eine Minute länger auf Otto. Bald wird es ganz dunkel sein, und da, wo Otto sich befindet, kann ihm ja nichts passieren – höchstens eine Erkältung kann er sich von dort mitbringen. Und du, Lilly, du gehst vor mir her, und ich verbiete dir, dich auch nur im geringsten zu entfernen. Nun schnell vorwärts!“

Tante Toni wußte ganz genau, daß dies das beste Mittel sei, um Otto möglichst rasch aus seinem Versteck zu treiben. Kaum hatte sie mit den Kindern den Platz verlassen, da tauchte Otto auch schon aus seinem Loche auf und begann vom Felsblock herunterzuklettern; das war aber nicht so leicht – wahrscheinlich gerade weil er so eilig war, stellte er sich viel ungeschickter an wie sonst, und er konnte lange keine Stütze für seinen Fuß finden. Es überkam ihn, als er sich nun in der zunehmenden Dunkelheit so ganz allein sah, ein recht unheimliches Gefühl. Er hätte gerne gerufen; aber nein, dafür war er doch zu stolz. Er atmete ordentlich auf, als er endlich unten war, und nun hatte er die andern bald eingeholt. Die schienen ihn aber gar nicht zu bemerken, sie gingen rasch und schweigend weiter. Otto fühlte sich sehr unbehaglich, und um diesem ungemütlichen Zustand ein Ende zu machen, rief er mit erzwungenem Lachen:

„Nun, war ich nicht gut versteckt? Ratet einmal, wo ich die ganze Zeit war!“

Aber die Kinder antworteten gar nicht, sie sahen ihn nur vorwurfsvoll an. Tante Toni sagte in sanftem, aber sehr ernstem Ton:

„Ich weiß, wo du warst, Otto; du hast nicht schön gehandelt. Geh' jetzt neben Lilly und gib ihr die Hand, und entferne dich um keinen Schritt mehr von mir.“

Hier im Wald war es schon ganz dunkel, und man hatte Mühe, auf den Weg zu achten. Von Paul und Kurt geführt, kam die kleine Truppe aber doch rasch vom Fleck, und man gelangte glücklich auf die Landstraße.

„O wie schön!“ rief Rudi aus, und er blieb einen Augenblick stehen; alle wendeten sich um, und sie sahen nun, wie die glänzende Mondscheibe langsam hinter einem Berge hervorstieg, und dann war auf einmal die ganze Gegend in ein wunderbares, silbernes Licht getaucht.