„Die alt Babett hat am End doch recht gehabt“, dachte der Christian, und er kratzte sich hinter dem Ohr, was er gewöhnlich tat, wenn er verlegen oder nachdenklich war. Aber man ließ ihm nicht viel Zeit zum Nachdenken; Herr Mehring und seine Schwester nötigten ihn ins Zimmer, und während Tante Toni ihm ein Glas Wein einschenkte, sagte Herr Mehring:

„Aber nun, Christian, sagen Sie mir doch, wie Sie, oder vielmehr wie Babett zu diesem Papier kommt!“

„Ja sehn Se, Herr, des war halt so: Die Babett is ja diesen Nachmittag hier gewese, um den Lappekorb abzuhole, wie se's halt immer zweimal im Monat tut. Wie se nun mit ihrm Korb fortgehn wollt, da is se da im Garte, grad vorm Haus ausgerutscht und wär beinah hingefalle, und sie hat in ihrm Schrecke laut geschriee – da is obe e Fenster aufgerisse worde und es sind allerhand Papiere rausgefloge, und gleich drauf is der Herr Otto gelaufe komme, um die Papiere wieder aufzulese, und wie em die Babett dabei geholfe hat, da hat er gesagt, sie sollt nur recht achtgebe, denn es wärn gar wichtige Papiere. Aber die Babett hat gar nit gemerkt, daß eins von dene Papiere in ihrn Korb gefalle is, und des hat se erst gefunde, wie se vorm Schlafegehn ihrn Korb ausgeleert hat, und da hat se mich gerufe; ich hab aber schon mit eim Aug geschlafe, und wie ich halt nit gleich raus gewollt hab, da hat se angefange und hat auf mei Tür gekloppt mit ihre zwei Fäust, und die sin noch recht kräftig für so e alte Frau, denn sie hat Ihne en Spekeltakel aufgeführt, wie wann se die ganz Stadt hätt aufwecke wolle. Und wie ich ihr dann zugeredt hab und gesagt, des tät sich doch nit schicke, daß ich jetzt wege so eme lumpige Papier die Leut noch aus em Schlaf störe sollt, da hat se immer wieder gesagt, des wär e wichtig Papier, der Herr Otto wär ganz blaß gewese, wie er runtergelaufe wär, und des Papier müßt diesen Abend noch zu Ihne gebracht werde, und wenn ich nit gehn wollt, dann tät sie halt selber gehn. No so bin ich halt komme, und wenn Se erlaube, Herr Mehring, so trink ich jetzt auf Ihr Wohl und aufs Wohl vom Fräule Toniche.“

Er leerte sein Glas, stellte es auf den Tisch und fuhr sich mit dem Ärmel über den Mund. Er machte große Augen, als Herr Mehring ihm so herzlich dankte und ihm erklärte, welch großen Dienst er ihm durch Überbringung des Schriftstückes geleistet hatte.

„Na, da freu' ich mich aber!“ rief er beim Abschiednehmen, „und morge, da werd' ich auch dabei sein, um die Gesichter von dene miserable Lügner zu sehn. Na, aber so was! Wenn ich noch dran denk, was Sie für e lieber, wilder Bub warn, früher, wie ich noch Gärtner bei Ihne Ihre Eltern war, Herr Robert, und wie Sie mal von der Frau Mama eine übergezoge kriegt habe, weil Se mer in mei frischgepflanzte Beete gesprunge sin!“ Und im Fortgehen murmelte er vor sich hin: „Ja, ja, wenn mer halt noch emal jung sein könnt!“

Als Otto am andern Morgen aufwachte, fiel sein erster Blick auf Tante Toni, die schon an seinem Bette saß. Er war erst ganz erstaunt und rieb sich die Augen, aber gleich legte es sich wieder wie eine Zentnerlast auf sein Herz. Wie hatte er nur so gut schlafen können nach dem, was gestern passiert war?

„O Tante!“ rief er aus, „Tante, es ist ja heute – heute ...!“

Aber die Tante lächelte und sagte mit bewegter Stimme: „Otto, knie dich gleich nieder und danke dem lieben Gott aus ganzem Herzen.“

„Das Papier, Tante, das Papier – ist gefunden?“

Die Tante nickte. „Erst beten, Otto, dann erzähl' ich dir.“