Ein warmes, aufrichtiges Dankgebet stieg aus des Knaben Herzen zum Himmel hinauf, dann aber lauschte Otto gespannt dem Bericht der Tante.
„Die gute Babett!“ rief er am Schluß der Erzählung aus. „Heute noch gehen wir zu ihr, gelt, Tante! Ich will sie jetzt gerne um Verzeihung bitten wegen neulich – du weißt ja, Tante –, und die Lilly nehmen wir auch mit. O Tante, es schaudert mich, wenn ich daran denke, wie leicht Babett das Papier hätte verlieren oder als wertlos zerreißen können; oder wenn sie es gar nicht bemerkt hätte, dann wäre es mit all ihren andern Lappen zusammen in den Sack des Lumpensammlers gekommen!“
„Das hätte allerdings sehr leicht geschehen können; aber der liebe Gott hat unser Gebet erhört, und er hat es nicht zugelassen.“
„Ach, Tante, wenn ich doch nur heute nicht in die Schule gehen müßte! Ich werde doch nicht achtgeben können, ich muß ja doch immer an Papa denken. Nicht wahr, jetzt muß es doch gut für ihn ausgehen?“
„Gewiß, Kind, du kannst ganz ruhig sein, und du mußt dir alle Mühe geben, heute in der Schule ganz besonders aufmerksam zu sein. Du mußt sofort beginnen, die guten Vorsätze, die du gestern gefaßt hast, auszuführen; nur nicht gleich anfangen zu verschieben, denn dann wird nichts daraus.“
Das war ein denkwürdiger Tag; Otto vergaß ihn nie mehr in seinem Leben. Als er von der Schule heimkam, fand er Haus und Garten voller Menschen. Sein Vater stand oben auf dem Balkon, umgeben von seinen Schwägern und einigen Freunden, und er richtete von dort aus einige warme Dankesworte an alle, die gekommen waren, um ihn zu beglückwünschen und ihm ihre Teilnahme zu bezeigen.
„Unser Mehring soll leben – hoch, hoch, hoch!“ so riefen alle Anwesenden, und am lautesten schrie der alte Christian. Der kam sich überhaupt gar wichtig vor; Herr Mehring hatte ihm vor allen Zuschauern die Hand geschüttelt, und er sah sich nun bald von Neugierigen umringt, die ihn über den Verlauf der Gerichtsverhandlung ausfragten; denn Christian hatte derselben von Anfang bis zum Schluß beigewohnt, und er ließ sich auch nicht lange bitten, es machte ihm selbst ja ein großes Vergnügen zu erzählen, wie alles so prächtig gegangen, wie die Verleumder in die Enge getrieben worden seien und was sie für verdutzte und wütende Gesichter gemacht, als das Schriftstück verlesen wurde, von dessen Vorhandensein sie gar keine Ahnung gehabt hatten und welches auf Herrn Mehrings Charakter und Handlungsweise ein so helles Licht warf.
Ottos Herz hüpfte ordentlich vor Freude. Er war so stolz auf seinen lieben, herrlichen Vater, und als ein alter Mann ihm auf die Schulter klopfte und ausrief: „Bub, Männer wie dein Vater sind ein Segen fürs Volk und fürs Vaterland; sieh zu, daß du ihm nacheiferst!“ da streckte Otto diesem die Hand hin und sagte: „Das will ich – hier meine Hand drauf!“
Am Abend, als alle Gäste fort waren, rief Herr Mehring seinen Sohn zu sich. Er sah ihn eine Zeitlang ernst und forschend an; endlich sagte er:
„Otto, ich möchte, daß du mir das Versprechen, welches du mir gestern in der Not und in der Angst gegeben hast, heute frei von diesen Gefühlen und wohlbedacht erneuerst. Ist es dir wirklich Ernst mit deinem Vorsatz?“