Otto wurde ganz rot und wollte zornig auffahren, aber er bezwang sich, und er sagte einfach: „Ja, ich weiß es, Lilly, ich hab' früher auch gelogen; aber jetzt schäm' ich mich darüber, und ich werde es nie, nie mehr tun. Komm, Lilly, willst du lieb sein und mir eine Freude machen? Dann versprich mir, daß du von nun an nie mehr lügst.“

„O du, versprechen! – Das muß ich mir erst noch überlegen. Ich bin ja auch noch kleiner und jünger wie du!“ Damit sprang Lilly davon. Sie fand es ja wohl sehr angenehm und bequem, einen so braven Bruder zu haben, der stets bereit war nachzugeben, der ihr bei den Aufgaben half; aber sich von ihm schulmeistern oder ermahnen zu lassen, das gefiel ihr nicht.

Otto schüttelte enttäuscht den Kopf. „Sie versteht es noch nicht“, tröstete er sich; „sie hat eben noch nicht so etwas Schreckliches durchgemacht wie ich!“


Achtes Kapitel.
Klein Tonis Wunsch geht in Erfüllung!

Draußen war das schönste Wetter. Die Sonne schien, Vogelstimmen riefen und lockten, und doch mochte Tante Toni nicht mit ihrer kleinen Bande in den lieben, alten Spessart hinaufwandern – sie saß an klein Tonis Bettchen. Immer schmaler und blasser wurde das liebe Kindergesichtchen, und die blauen Augen blickten immer sehnsüchtiger und erwartungsvoller.

„Tante, was hast du gestern abend dem Otto erzählt?“ fragte die Kleine jeden Morgen, wenn Tante Toni zu ihr kam, und sie konnte nicht müde werden zuzuhören, wenn diese ihr vom lieben Heiland erzählte, der die Menschen so lieb hat, daß er die Gestalt des Brotes annimmt, um immer in ihrer Mitte zu sein und sich aufs innigste mit ihnen vereinigen zu können. Am liebsten hörte sie aber die Geschichte vom göttlichen Kinderfreund, der es nicht dulden wollte, daß die Apostel die Kinder fortschickten, und der ausrief: „Lasset die Kindlein zu mir kommen!“

„Ach, Tante, wär' ich doch eines von den kleinen Judenkindern gewesen – vielleicht hätte der liebe Heiland mich auch auf seine Knie genommen und hätte mich gesegnet!“ Und klein Tonis Augen erglänzten, als sie sich so lebhaft vorstellte, wie schön, wie herrlich es sein müßte, auf des Heilands Schoß zu sitzen und das Köpfchen an seine Brust zu lehnen.

Mit großer Geduld ertrug klein Toni es, so lange still im Bettchen liegen zu müssen. Der Husten und das Fieber quälten sie sehr, aber sie klagte nicht, sie seufzte nur manchmal, wenn das Rufen und Lachen ihrer Geschwister vom Garten zu ihr heraufklang.