Einmal aber hatte sie doch wieder einen ihrer früheren Zornanfälle – das war, als Lilly sie besuchen kam und sagte: „Du hast's gut, du kannst hier bequem in deinem Bett liegen und tun, was du willst, während wir andern in die Schule müssen.“

Tonichen hatte darauf erklärt: „Es ist viel schöner und lustiger, gesund zu sein und in die Schule zu gehen, als krank zu sein.“

Da hatte aber Lilly ein spöttisches Gesicht gemacht und lachend geantwortet: „Geh doch, Toni, mir machst du so leicht nichts vor! Wenn du so gern in die Schule gingest, wärst du sicher schon längst gesund – du stellst dich ein bißchen an.“

Toni hatte erst ganz verwundert dreingeschaut – sie konnte es ja gar nicht begreifen, daß man so etwas von ihr denken konnte –, dann war sie sehr böse geworden, und sie hatte geschrien:

„Nein, ich stelle mich nicht an – ich lüg' doch nicht!“ Und dann mußte sie sehr stark husten, und sie weinte dabei, so daß Lilly, die ja doch im Grunde die kleine Toni lieb hatte, ganz bestürzt sagte: „Komm, Tonichen, sei nicht mehr bös auf mich – ich glaub' dir's ja, daß du dich nicht anstellst, und ich sag's auch nie mehr.“

Die beiden Kinder hatten sich daraufhin wieder versöhnt, aber am Abend dieses Tages hustete klein Toni viel mehr und das Fieber war gestiegen – sie konnte keine Ruhe finden und weinte bittere Reuetränen, weil sie sich wieder von ihrem Zorn hatte hinreißen lassen. Als Tante Toni ihr „Gute Nacht“ sagen kam, klagte sie: „Ich kann gar nicht mehr so gut an den lieben Heiland denken – ich meine immer, er wäre nun unzufrieden mit mir und er würde mich jetzt nicht auf seinem Schoß haben wollen, wenn ich eins von den kleinen Judenkindern wäre.“

„O Tonichen, was denkst du denn vom lieben Heiland? Du hast ihn ja wohl gekränkt durch deinen Zorn – aber das hat er dir schon wieder verziehen; es hat dir ja gleich nachher so leid getan. Und jetzt bist du wieder sein kleiner Liebling. Du kannst dir ja gar nicht vorstellen, wie lieb dich der liebe Heiland hat. Er hat dich ja schon gekannt und dich geliebt damals, wie er für dich am Kreuz gestorben ist, und er hat eine ganz besondere Freude an dir, weil du ihm zuliebe so geduldig bist und dir so viel Mühe gibst, ein liebes, braves Kind zu sein.“

Solchen Worten hörte klein Toni gerne zu, und sie lag nun wieder still und getröstet in ihrem Bettchen. Sie klagte auch nicht, als sich am andern Tag ein quälendes Stechen in der Brust und in der Seite einstellte. Ihr armes Köpfchen war so weh und schwer, daß sie es kaum mehr vom Kissen erheben konnte.

„Es ist eine Lungenentzündung hinzugetreten“, sagte der Hausarzt, und er brachte noch einen zweiten Doktor mit – aber der hieß alles gut, was der gute alte Hausarzt gesagt und angeordnet hatte; helfen konnte er auch nicht, und er sagte zu den tiefbetrübten Eltern:

„Es ist ein sehr ernster Fall; aber solange noch Leben da ist, ist auch noch Hoffnung.“