„Nein, mein Tonichen“, suchte Mieze die Kleine zu beruhigen, „du hast gar nichts Dummes gesagt – aber es kam uns halt nur so drollig vor, daß du winziges Persönchen dir die Tante Toni zur Freundin ausgesucht hast!“ Und nun fing Mieze wieder an zu lachen, die andern stimmten im Chore ein; Anna und Otto lachten am lautesten, umtanzten das Kind und schrien: „Hoch der neue Freundschaftsbund!“
Jetzt aber wurde klein Toni zornig, ihre Augen funkelten, sie ballte die kleinen Fäuste, sie stampfte mit den Füßen, und je mehr die andern lachten, desto wilder gebärdete sich das Kind. Als Mieze es zu beruhigen suchte, stieß es sie von sich, bis Kurt sagte:
„Na, so einen Zornepickel wird Tante Toni aber doch gewiß nicht zur Freundin haben wollen!“
Da kam die Kleine zur Besinnung. Sie wurde auf einmal still, ließ das Köpfchen hängen und schlich sich fort. Sie kauerte sich in ein Eckchen, drückte die Fäustchen vor die Augen und weinte leise vor sich hin. Mieze wollte ihr nachgehen, aber Anna hielt sie zurück und sagte: „Laß sie nur jetzt ganz in Ruhe; wenn sie so ihren Zorn gehabt hat, dann ist es am besten, man kümmert sich nicht um sie. Kommt nur alle mit mir in den Garten, die Toni wird uns nachher schon von selbst nachkommen.“
Tante Toni hatte aber von ferne alles beobachtet. Als die andern Kinder das Zimmer verlassen hatten, näherte sie sich der weinenden Kleinen; diese aber drückte die Händchen nur noch fester vor das Gesicht, und ihr Schluchzen wurde heftiger. Die Tante nahm das Kind auf und setzte sich mit ihm ins Nebenzimmer. Sie ließ es erst ruhig weinen, sie drückte es nur liebevoll an sich, strich ihm sacht über Stirne und Haare, und als das Schluchzen endlich anfing etwas nachzulassen, sagte sie freundlich:
„Nun muß meine kleine Freundin aber gleich wieder ein liebes, frohes Gesichtchen machen.“
Da hob Toni ihr verweintes Gesichtchen in die Höhe: „O Tante Toni, willst du mich denn noch zur Freundin haben? Ich war doch eben so bös! – Was mußten sie aber auch so über mich lachen?“ Und die Tränen fingen von neuem an zu fließen.
„Du mußt dir das nicht so zu Herzen nehmen; sie haben es gar nicht so böse gemeint. Die Mieze war doch auch recht nett mit dir und wollte dich trösten.“
„Ja, und ich hab' sie weggestoßen, ich war so zornig!“ Und Toni ließ wieder beschämt das Köpfchen sinken; dann setzte sie aber wie entschuldigend hinzu: „Das kommt aber von meiner Krankheit her, daß ich so leicht zornig werde, ich kann nichts dafür. Mama hat den andern schon öfter gesagt, sie dürften mich nicht so reizen.“
„O, es ist ja leicht möglich, daß deine Krankheit eine größere Reizbarkeit zurückgelassen hat; aber deshalb mußt du doch nicht meinen, du könntest nichts dafür. Man kann immer etwas dafür, wenn man etwas tut, wovon man weiß, daß es unrecht ist. Und daß man nicht zornig sein darf, das weißt du doch, nicht wahr?“