Nirgends klaffenden Spalt duldet des Zimmermanns Hand.
Sonst nur gewähren uns Schutz das Gestein und der Mörtel zusammen,
Hier aber bietet ihn uns freundlich der heimische Wald.
Luftig umziehen den Bau ins Gevierte die stattlichen Lauben,
Reich von des Meisters Hand, spielend und künstlich geschnitzt.
Ganz offenbar hat der dichtende Bischof Gebäude genug gesehen, die in der oben beschriebenen Art erbaut waren; die Umgebung dieser Holzgebäude mit Lauben — wie er sagt, auf allen vier Seiten — spricht dafür, daß es freistehende Häuser waren, die ihm besonders auffielen; Beispiele von späteren doch auch schon alten Lauben sowohl an der Giebel- wie an der Langseite der Holzhäuser sind auch heute noch genug vorhanden.
Außer dieser Art gelegentlicher Nachrichten haben wir aber noch ganz bedeutsame und wichtige gleichzeitige Beschreibungen von Hauptwerken, anderseits auch wirkliche Dokumente, die uns über den Umfang des Holzbaus bei den Germanen während und nach der Völkerwanderung wertvollen Aufschluß geben. Da sind vor allem die uralten Gesetzbücher der Germanen, wie die lex Visigotorum, die lex Salica, die leges Alamanorum, Baiuwariorum, die auf die Sitte des Holzbaus eingehende Rücksicht nehmen. Von den Burgunden erzählt Socrates Scholasticus, daß sie zur Zeit, da sie noch am Rheine saßen, alle Zimmerleute gewesen seien, was natürlich nicht ganz wörtlich zu nehmen ist, aber doch besagt, daß jeder verstand, sich seinen Holzbau zu errichten. Aus allem geht außerdem hervor, daß die Germanen überall noch in Gehöften wohnten, in denen sich die Wirtschaftsgebäude, Ställe, Speicher, Scheunen, auch wohl Küche und Keller, selbst Bienenhäuser, um das Hauptwohnhaus gruppierten, zu dem öfters noch eine getrennte Frauenwohnung trat. Gärten schlossen sich an; alles war von einer Umhegung, selbst von Mauern und Gräben eingefriedigt. — Aber auch städtische Wohnhäuser gab es, wo eben geschlossene Städte waren, darunter mehrstöckige, mit Treppe, hölzernem Söller und verschiedenen Räumen (Metz); bei den Franken nicht selten selbst solche mit Kapelle und Baderaum; doch hier wohl das Erdgeschoß schon aus Stein, nur die Obergeschosse aus Fachwerk errichtet.
Nicht nur einfache Wohn- und Wirtschaftsgebäude, sondern auch die Paläste jener Zeit, die Königshallen und selbst die Kirchen wurden in Holz errichtet. Als Einhard in Steinbach seine noch stehende steinerne Basilika bauen will, spricht Ludwig der Fromme (815) in der Schenkungsurkunde von Grund und Boden von der seither dort vorhanden gewesenen „basilica lignea modica constructa in Michlinstad“. — Es war eine kleine Holzkirche dort gewesen, und es ist annehmbar, daß jede der ältesten Steinkirchen im Norden an die Stelle einer vorhergegangenen hölzernen getreten ist.
Auf der dem 9. Jahrhundert angehörigen Frankenburg, tief im Wald ob Rinteln gelegen, deren Mauern ein bis zwei Meter hoch noch stehen, fand man im Schutte der dem Palas gegenüberstehenden ziemlich kleinen Burgkapelle zahlreiche Stücke gebrannten einstigen Lehmbewurfes ihrer oberen Wände, in dem sich das Flechtwerk der Fächer deutlich abgeprägt hatte. Demnach muß der eigentliche Aufbau der Kapelle aus Holzfachwerk bestanden haben, dessen Gefache mit verputztem Geflecht ausgefüllt waren. — Das ganze kleine Schloß wurde offenbar nachher durch Brand vernichtet.
Auch lignea moenia werden bei Jordanies erwähnt, nach neueren Ausgrabungsergebnissen nicht etwa bloß bretterne Zäune, sondern starke Befestigungen aus doppelten hölzernen Spundwänden mit Pfosten, deren Zwischenraum mit Erde ausgestampft war.