Bogner: Ich weiß, daß sie heftig erschüttert worden ist.
Renate: Sie mußtens wohl merken ... Ich wollte, Sie könnten ihre Briefe lesen. Sie selber hat an Ihren Studien erkannt, wie sehr Sie um ihr inneres Gesicht wissen. Auch das ist leider nicht gut für sie gewesen.
Bogner (nach einem Schweigen): Sie sollten das recht verstehn. Die Arbeit hat sonderbare Satzungen. Nun war das Gesicht der Kleinen jeden Tag ein andres. Das hat meinen Pinsel dermaßen erbittert, daß ich erst in diesen Tagen der Untätigkeit recht eingesehn habe, wie gewaltsam ihre Züge von innen heraus verändert worden sind.
Renate: Sie sind ein furchtbarer Mensch! Kennen Sie denn nun bloß körperliche, aber keine seelische Anatomie?
Bogner: Bisher malte ich nur Selbstporträte. Vor der seelischen Anatomie habe ich mich gehütet, seit ich einmal einen Menschen malen mußte, der im Sterben lag. Tatsächlich verhält es sich so, daß der innere seelische Aufbau sich in so klaren äußern Linien und Flächen absetzt, daß er nicht im entferntesten die Aufmerksamkeit beansprucht wie der körperliche. Die Seele geht immer unverhüllt. Wenige wissen es.
Renate: Könnte ich dann nur begreifen, woher Sie ein solches Wissen um die Menschen haben!
Bogner: Sollten Sie sich nicht täuschen? Sehende Augen sind eine Gabe, zusammenhanglos, und sind ein Gesetz, das man befolgt, widerspruchslos. Meine Augen kümmern sich nicht um meine Seele, gesetzt, ich besitze eine.
Renate: Ich hoffe doch ... (Nach einer Stille.) Es ist seltsam, wie wir unbekannte Menschen nun über die Meilen hin miteinander sprechen. Zwischen uns ist der Berg der Nacht; hier ist Schweigen, selten einmal rauscht der Nachtwind, und bei Ihnen ist das Meer.
Bogner: Wir würden, fürcht ich, weniger leichtherzig gegeneinander reden, wenn wir Auge in Auge stünden. Da wir unsichtbar sind wie zwei Götter, so halten wir uns auch für großmütig.
Renate: Sollte soviel Göttliches schon im Unsichtbaren liegen?