„Weißt du, was mir einfällt? Einmal war Onkel Salomon auf einer Dienstreise in Altenrepen, besuchte mich und brachte mich ein Stück Weges zur Schule. Da kaufte er in einem Zigarrenladen eine besondere Sorte, so ganz große, du kennst sie ja, sein einziger Luxus, und wie er aus der Tür kam, hatte ich inzwischen irgendwen von den Jungens getroffen, drei oder vier, ich weiß nicht mehr, der lange Fischbeck war dabei, und schon gab er jedem dreie von seinen Kostbaren, eine einzige behielt er in der Westentasche. Und erinnerst du dich, wie Papa mal erzählte, wieviel Existenzen er schon mit seinem bißchen Gelde gegründet hat, Leute, die jetzt Warenhäuser besitzen, und er bleibt der unbekannte, kleine Sekretär, freilich, er wird mit keinem Großsiegelbewahrer tauschen wollen — Großsiegelbewahrer ist doch ein enormes Wort, nicht? Aber — was ich sagen wollte — da redeten sie eben vom nächsten Krieg zusammen, und Papa behauptete unchristlich, es gäbe morgen wieder einen, er aber war fürchterlich dagegen, sagte: No! und sprach von christlichen Nationen. Ich glaube, wenns einen richtigen Christen giebt, dann ist ers. Aber wo sind wir denn eigentlich?“
Die Pferde standen still auf dem schmalen Fußweg am Weiher, der leuchtend grün von Wasserpflanzen in der Sonne lag.
„Wohin wolltest du denn?“ fragte Anna gleichmütig.
„In den Schatten“, sagte Georg, drehte sein Pferd um, und antrabend ritten sie zurück, bogen nach links und traten alsbald in die schattige Eichenallee neben dem Wäldchen ein, zur Linken die Wiesenflächen, zur Rechten das undurchdringliche Dickicht von Unterholz, Farnen und Brombeergestrüpp, aus dem hier und da der lichtgrüne fedrige Wipfel einer Eberesche und die seltenen, riesigen und grauen Säulen der Eichen aufragten. Lautlos gingen die Pferde, so langsam sie konnten, auf dem weichen Erdboden. Georg, jetzt sehr wach, blinzelte insgeheim nach links, allein Annas zartes Profil schien sehr für sich allein. Sie sah vor sich hin. Angenehm beklommen war ihm um die Brust.
„Übrigens“, sagte er, „ein merkwürdiger Mensch dieser Maler.“
„Wieso?“
„Oben im Saal sprach ich mit ihm. Ob seine Eltern noch leben, weiß er nicht. Wo er zu Haus ist, weiß er nicht. Ob er wohl weiß, was die Verse unter seinem Bilde bedeuten? Warum kommt er auf einmal her und wills abmalen?“
„Davon hat dein Papa etwas erzählt. Als er vor drei oder vier — nein, es war in dem Winter, wo ich Lungenentzündung hatte, also neunzehn— na egal! — Drei Jahre müssens her sein, da wurde in Berlin der Nachlaß von einem Bankier Oster — Österheld oder so versteigert, und dein Papa fand dies Bild darunter. Als er dann wieder auf Trassenberg war, bekam er einen Brief von Bogner; er wäre zur Zeit der Auktion nicht in Berlin gewesen, sonst würde er selber das Bild zurückerworben haben, woran ihm aus gewissen Gründen besonders viel —“
„Na, deine gewissen Gründe!“ höhnte Georg. „Weißt du nichts Genaueres? Natürlich gewisse Gründe!“
„Dein Vater weiß auch nicht mehr.“