„Na, und denn?“
„In dem Brief erinnerte er deinen Vater an seine alte Einladung —“
„Also doch, der Schurke!“
„— und bat um Erlaubnis, das Bild kopieren zu dürfen. Dein Vater schrieb ihm dann, das Bild wäre hier, und er möge nur kommen, er ist aber nicht gekommen und hat heute morgen erst aus Böhne plötzlich telegraphiert, er habe auf der Durchreise mit einem kranken Freunde Aufenthalt in Böhne nehmen müssen, und ob er wohl kommen dürfe. Und da hat der Herzog zurücktelegraphiert, er schickte einen Wagen, und den Freund solle er mitbringen. Domina hat ihn übrigens gesehn und sich vor ihm gegrugt, ich weiß nicht warum.“
Wieder standen die Pferde, fünf Schritt vor ihnen lag das Gatter. Georg faltete die Hände vor sich auf dem Sattel und sah über die Weideflächen hin, die, von ihren Knicks durchzogen, nach links und rechts flach sich ausdehnend, gegen Norden — den Deich, das Meer — langsam anstiegen, und dort, mit der schnurgeraden Linie des Deichs, schien die Welt ein für allemal zu Ende. Überall waren die weißen und schwarzen Flecken der Rinder; Wolkenschatten wimmelten in sachter Schwebe darüber hin; links, fern im Süden, wo der Deich tief ins Land hineingebogen schien, stand der Schattenriß eines Fohlens einen Augenblick auf der Horizontlinie und sprang wieder hinunter; ziegelrot leuchtete das Dach des Fohlenhofs, auf den Himmelsrand gesetzt, in der Sonne. Georg atmete auf. O wie fern das war! O wie weit! Norddeutsche Tiefebene, dachte er mit einem sondren Gefühl von Sehnsucht, obwohl er mitten darin war. Er sah, nach Osten blickend, die Windmühle als unbewegliches, schwarzes Kreuz auf Lüdersens Deich; dann merkte er, wie aus dem unsichtbaren Meer die Wolken stiegen; weiß und schattig, immer fetter schwellend, zogen sie schweigsam, ungedrängt sich verschiebend, wie weidende Herden über die himmlischen Auen; auf den untern Weiden ihre leichten Schatten; davon leuchteten streckenweis die Wiesen sonnengelb; es wehte über den Norddeich, unablässig, schwellend, singend; sonst wars still, der letzte Vogelruf des Jahrs schon verstummt.
Georg zuckte zusammen. Anna mit ihrem Pferde schwebte im Sprung über das Gatter hoch in der Luft, landete, und nach zwei, drei Sätzen hielt sie drüben still und blickte ernsthaft herüber. Unkas stampfte, schien als geübter Springer den Abstand zum Ansprung weit genug zu befinden und sprang. Noch wurde der Sattel vom Matingal gehalten. Als sie dann Schritt vor Schritt schweigsam über die Wiesen und den Deich hinanritten, die Pferde die hangenden Köpfe schaukelten, zuweilen, das Kinn vorstreckend, an den Zügeln ruckten, nur die Gebisse leise klirrten, wurde die Beklemmung um Georgs Brust enger und süßer.
Da lag die See, herzbewegend immer wieder durch ihre plötzliche Erscheinung, glatt, graublau mit silbrigen Streifen. Unten leckten winzige Wellen gegen den gemauerten Fuß des Deichs, die letzten, halbtoten Seesterne behutsam fortnehmend. Der Horizont war nah. Vor Georgs Augen nahm die Bewegung der mächtig hochquellenden Wolken an Heftigkeit und Gewalt zu; fast bescheiden in seiner Friedfertigkeit verhielt sich der Meeresspiegel darunter. Unerschöpflich wogte es aus der Tiefe, schwankte, entformte, wandelte, löste und verteilte sich langsam und unaufhörlich, ein Segel erschien plötzlich, ein riesiger Arm. Fern hinten und leise nur sangen die unermüdlichen Grillen.
Die Pferde waren bis an den Rand des Deichs herangetreten, senkten die Häupter und machten lange Hälse, um Gras zu rupfen. Georg stieg ab, half Anna aus dem Sattel, drängte die Pferde zurück und warf sich, die Zügelriemen in der linken Hand, am Deichrande nieder; als er zu dem Mädchen aufblickte, setzte sie sich — erschreckend folgsam, mußte er denken, und da er sie nun still, mit vergrößerten Augen über die See gegen das Gewölk blicken sah, stieg ihm ein sonderbares Angstgefühl in die Kehle, — fast daß er fror. Dann störte ihn das Klappen der Gebisse zwischen den Zähnen der fressenden Pferde, er sprang unwirsch auf, riß ihnen die Kopfzeuge herunter und merkte zu spät, daß er dem Unkas wegen des am Sattelgurt hängenden Matingals nun auch den Sattel abnehmen mußte. Als er fertig war, hatte seine Angst zugenommen, und das Mädchen lag der Länge nach auf dem Rücken, die Hände unterm Kopf, die Augen geschlossen. Er setzte sich neben sie und fing eilfertig an zu reden.
„Hast du gehört, Anna, daß sie vom Krieg sprachen? Es giebt natürlich keinen, aber mir ist etwas Merkwürdiges eingefallen. Höre, kannst du dir etwas unter — deutschem Geist vorstellen?“
Eine Weile verging; plötzlich lagen da ihre Augen ganz groß offen im zarten Gesicht, den Blick weit von ihm fort gegen den Himmel gerichtet, so daß sein Auge unwillkürlich dort hinging, doch war da nichts. Er hörte sie leise: „ja“ sagen, sammelte seine Gedanken und fuhr fort: