„So — sieh mal —, so gab es einst einen hellenischen Geist, der — aber erst weiter —, und einen römischen, jenen, der unsrer Welt die bürgerlichen Staatsbegriffe und Gesetze gab, und einen Geist des Humanismus, der schon eine Art Europa war, einen französischen Geist und einen englischen, den Kaufmannsgeist und der äußeren Gesittung, und nun — ja, was wollte ich sagen?“ Auf den rechten Arm gestützt, auf der Seite neben ihr, fast über ihr liegend, fuhr er eifriger fort: „Ja, also an dem hellenischen Geist war das Sonderbare, daß er allein von den andern, abgesehen vom Humanismus, am stärksten dann glühte, als keine äußere Macht mit ihm verbunden war, nämlich unter der Herrschaft Roms.“ Eine ganze Gedankenkette hastig überspringend, schloß er: „Ob mit ihm der deutsche Geist das gemein haben soll, daß er die Welt von innen beherrschen wird? Vater sagte so etwas wie, daß Deutschland an der Reihe wäre, und deshalb dachte er an den Krieg, aber — ob es wirklich nicht ohne das ginge? Im Prometheus, in unserm Leseverein, weißt du, hatten wir mal eine schöne Streiterei darüber, nach einem Vortrag von mir über ein neues europäisches Reich deutschen Geistes, so wie „Römisches Reich Deutscher Nation“ weißt du, und ich erinnre mich noch —“ Er verstummte. Sie lag geschlossenen Auges nach wie vor. Hörte sie zu? „Ich rede von Europa“, sagte er nach einem langen Schweigen kühl und innerst gekränkt.

Langsam ging ihr linker Fuß in die Höhe und senkte sich wieder; sie bewegte den Kopf und sagte endlich sanft und abgeneigt:

„Ach, Georg, was geht mich Europa an!“

Das Verlangen, sich über sie zu legen und sie zu küssen, überfiel ihn so, daß sein aufgestützter Arm heftig zitterte, allein gleichzeitig mit diesem machte ein andrer, schon seit langem erfundener Drang sich bemerkbar, und diesem, schien es, mußte durchaus und unabweislich nachgegeben werden, allein — es war peinlich. Georg legte sich hintenüber ins Gras, jedoch da war nichts zu wollen, er stand auf, und nach einer Weile schlenderte er davon, am Deichrand hin.

Wieder kehrte die Brustbeklemmung, doch erschien ihm nun plötzlich das Klassenzimmer an jenem beklommensten aller Wintermorgen, am Examenstag, grau, kalt, düster, passend für Leichenbegängnisse. Diese blassen, krampfhaften Gesichter, diese Unruhe, dies innerliche Zerspringenwollen, und warum wird geflüstert? Und keiner hält es nur eine Minute am selben Platz aus, sie wandern alle umher, sitzen, stehn, sehn aus dem Fenster, und zwischen alldem sitzt auf dem Katheder Barkhausen über hundert Notizenzetteln aus allen Fächern, den Kopf zwischen den Fäusten und lernt und murmelt und sieht auf, die Lippen bewegend, verglast und verloren wie ein Delinquent ...

Georg wandte sich zurück. Von Anna war nichts zu sehn als ein kleiner, weißer Fleck, sie mußte noch immer liegen — aber er hielt es doch für besser, die schräge Mauerwand ein Stück hinabzuklettern; um Halt zu haben, mußte er die linke Hand aufgestützt lassen und die Fußspitzen in die Ritzen der Quadern stellen, als in welcher verfluchten Stellung er denn tat, was zu tun war, dieweil er immerfort unsinnig dachte: Nil humanum, nil humanum ... Unterweil erblickte er unten am Mauerfuß einen angeklebten großen Seestern, der noch einen Zacken bewegte, zögerte und stieg großherzig und behutsam zu ihm in die Tiefe, machte ihn, der sich noch anklammerte, los und schleuderte ihn kräftig in die Flut. Dann sprang er auch das letzte Stück auf den Streifen wasserfreien Sandes hinunter und schlenderte langsam zurück. Bruchstücke von Erinnerungsbildern, andre Wintermorgen schwammen zuckend durch sein Gedächtnis, er sah das Gaslicht im Klassenzimmer, das in die Augen brannte, die Bankreihen, die verschlafenen, gedankenlosen, verheimlicht grinsenden, roten Gesichter, er hörte die Stille und die entsetzliche Eintönigkeit der Stimme, die an der Übersetzung herumnagt, und an den Wänden die alten Bilder! Das graugrüne Amphitheater von Verona bei Mondschein mit dem schattenwerfenden Einsamen in der Mitte, die olympischen Gipsbüsten, ganz schwarz von Staub — aber nun war er auf einmal auf dem Tennisplatz, nicht dem in Athen unter Ölbäumen und mit Prinzessinnen und Hofdamen, sondern dem am Waldrand, unter dem großen Plankenzaun, hinter dem die Motorräder der tränierenden Steher in Pausen herumknatterten, und sie saßen zu vieren auf einer Bank, Löbell und die Mädchen, und die Altenreperinnen, die auf den Plätzen vor ihnen umhersprangen, hatten alle so große Füße, bloß Iris Runge nicht, die ihn heimlich liebte, aber wer hätte sich das träumen lassen, und da kam schon das Examen. Ach, und die Nachtstunden mit stillem Lampenlicht und schauerlichen Aufsatzdispositionen — — wie ist das Verhalten Egmonts gegen Albanien im zweiten Aufzuge — oder wars der vierte? — und die unendlichen Thukydidesperioden, die Cosinuszeichen und völlig unbegreiflichen Wahrscheinlichkeitsrechnungen — ach, aber auch Stunden gab es immerhin über herrlichen Blättern, auf die man schreiben konnte, was das Herz wollte, skandierte Dinge, die unermeßliche Geschehnisse zum Ausdruck brachten ...

Wie mittelländisch es heute aussieht, dachte Georg, gegen das Meer gewandt stehenbleibend. In Sizilien, das war wunderbar, die vier Frauen, wie sie mit antiken Krügen auf den Köpfen an der Felswand den Weg schräge emporstiegen, wie Mädchen aus Olympia, aus Lokris, aus Äolien. Und die Bark mit dem schiefen rostbraunen Segel, bis zum Sinken überlastet mit Bergen goldgelber Limonen, und die Männer darin, wie von Feuerbach gemalt, braun und in Hosen halbnackt, trugen die rote, phrygische Mütze.

Georg kletterte vorsichtig den Deich wieder hinauf und sah sich um. Richtig, da lag sie, etwas zu weit war er gegangen, sie lag wie zuvor. Er stand auf, sie wandte den Kopf zu ihm hin und lächelte schmelzend.

„Da liegst du,“ sagte er, „und ich vollbringe Lebensrettungen.“

„Wen hast du denn —?“ fragte sie leicht erschreckt.