„Einen Seestern“, sagte er und legte sich hin.

Als er eine Minute später vorsichtig nach ihr hinspähte, lag sie, die Augen wieder zu, auf der Seite. Wie das doch seltsam war, ein schlafendes Mädchen! Schlief sie tatsächlich? Wie rührend schutzlos sie aussah! Die dünne Bluse spannte sich über der sanften Brust; darunter senkte und hob sichs und straffte den Batist in langsamen Pausen, peinigend geheimnisvoll. Warum, fragte er sich, warum nur so süß, so schaurig auf einmal, nachdem ich sie seit meinen ersten Lebenstagen kenne? Es ist doch nur ein Mädchen. Oder würde es anders sein als jetzt, wo er es nur sah, doch es war zum Fühlen, er wußte es, woher? Er kannte es nicht. Alle Mädchen kannte er nur so. War das ‚kennen‘? Das Blitzen ihrer Augen, aus gänzlich unverständlichen Ursachen, diese immer verhaltnen Bewegungen, als würden sie zuviel verraten, dies ganze Anderssein, Weiblichsein, konnte das je — er suchte —, nein, konnte man je darin sein, nicht sich, sondern nur das andre fühlen, mehr als das: sein, wirklich sein? Wie still sie vor ihm lag! Wenn aber eine einmal seine Frau sein würde, Anna Magdalena — ja — o, war das möglich? Dann würde sie noch anders liegen und — um Gottes willen überhaupt —: wenn jetzt Dieckmann oder Graf Löbell oder der schöne Spiegelberg, dieser Frauenheld, oder — um von diesen verdammten Pennälern loszukommen — der schöne dänische Urne, der Botschafter — wenn einer von denen jetzt er wäre, würde er etwas tun? Was würde er tun?

Da schnürte ihm Angst das Herz zu vor dem, was er tun sollte und um alles in der Welt nicht gekonnt hätte; er warf sich ins Gras zurück, machte die Augen zu, und ein seliges Mitleid mit diesem Mädchen brach in seiner Brust auf und überspülte ihn mit Zittern und unbeschreiblicher Bangigkeit. Waldwege! O Waldwege! Da ging er, da ging sie neben ihm, wie eng war der Gang, sie blieb stehn, sie berührten sich, er legte seinen Arm um ihre Schultern, er fühlte etwas, ja, da fühlte er es nun ... Nichts. Und er stieß ihren Namen hervor, rauh und dumm klang es, und er richtete sich auf und sah nach ihr.

Sekunden danach öffnete sie die Lider — ach du mein Herrgott, da war einer in Genf, ein Student, ein Pennäler, ein Infantrist, an den hatte sie all die Zeit gedacht! Aber sein Herz stand völlig still, als er erkannte, daß die verdunkelten Pupillen mit unweigerlicher Süße auf ihn gerichtet waren, ja — es sah aus, als wären sie schon hinter den Lidern lange so eingestellt und so süß zu ihm gewesen. Sie lächelte wie eine Nymphe und hielt seine Augen mit diesem Lächeln fest, sein ganzes Herz mit diesem Netz aus Honig und Nachtigallen, eine Minute, eine Ewigkeit, — da wars fort, Herrgott, fort! War es gewesen, war dies, dieses, dies nun gewesen?

Sie ward langsam rot, richtete sich auf, strich ihr Kleid über die Füße und sagte: „Wie heiß es ist!“

„Findest du?“ fragte er unbeholfen und schwindelnd. „Na, nun erzähl mir mal was, kleines Mädchen“, sagte er dann brüderlich und packte ihren linken Fuß.

„Was denn?“

„Irgendwas aus Genf, aus eurer Pension. In Pensionen macht man doch immer Streiche, — aber hör mal, du hast ja gar keine Reitstiefel an!“

Sie saß, die Hände zu beiden Seiten neben sich aufgestützt, den Kopf im Nacken und bemerkte nichts als: „Kaputt!“

Warum nahm sie bloß den Fuß nicht fort? Das war ja beängstigend, wie sie sich alles gefallen ließ. Er drehte den Fuß hin und her. Dieser kleine Fuß in schwarzem Lack, und der Schuh, wie er über den Zehen etwas eingedrückt war, wie das rührend aussah, und diese runde, kindliche Spitze!