R.
Noch eine Nachschrift? — —
Sage mir — —
Ich weiß nicht, soll ich weiter schreiben oder nicht?
Also sage mir, ob Bogner vielleicht die Gewohnheit hat, lautlos zu lachen, indem er das Kinn anhebt und den Mund leicht öffnet ...
Hör zu! Das, wovon ich Dir früher einmal erzählte, ohne es Dir beweisen zu können, — es hat sich wieder gezeigt: mein phantastisches Gesicht. Ganz schwach schon einmal — so daß ich darüber hinglitt — in den ersten Tagen meines Hierseins, wo ich an einem Abend, anstatt daß ich, wie ich glaubte, mein Zimmer betrat, aus einer Waldöffnung über ein düstres, abenddämmriges Tal von ungeheurer Größe hinaustrat, in dessen Ferne grauschwarze Berge sich zusammenschoben, zwischen denen ein erschreckendes Rot, ein trübes, qualmiges, wahres Weltuntergangsrot brannte; am Grunde des Tals tanzten undeutliche Gestalten — sonderbar blitzten die Goldschellen in den Rändern ihrer Tamburine, während im blaugrauen Himmel ein völlig grüner Stern aufleuchtete, mit Josefs Augen lächelte und entschwand samt der Landschaft.
Nun heute wieder, es macht mich doch nachdenklich ...
Denn wenn ich denke, daß ich diese Gesichte immer nur daheim, im Haus oder Garten hatte, nie auf einer Reise, in keiner noch so geringen Ferne — darum auch in der ganzen Zeit unseres Zusammenseins nicht — und nun hier im Hause von meines Vaters Bruder wieder, — welche Vernietung des Blutes! — Da fällt mir auch ein, daß ich nach Papas Begräbnis sieben Tage, ohne Lebenszeichen, wie ein Steinbild auf meinem Bett gelegen habe, während meine Seele — — nun, erwachend wußte ich freilich nicht mehr, wo sie gewesen war, doch waren es wohl die Toten.
Gute Na— nein, da sehe ich ja, daß ich die heutige Erscheinung zu beschreiben vergaß!
Ich kam am Nachmittag in mein Zimmer und fand einen schönen, mächtig großen Adler darin, der ganz goldenbraun war. Er saß auf der Lehne eines Sessels, seine kleinen Augen waren blau mit goldenen Linien wie Lapislazuli. Ich trete sehr erfreut auf ihn zu und schiebe gleich meine rechte Hand zwischen seinen Leib und die linke Flügelschulter tief ins warme Gefieder, indem ich denke, das wird er gern haben ... Ah wie das lebte, warm war und so — mehlig! Wie die weich übereinandergeschichteten Federn sich zusammendrücken ließen! Indem aber fühle ich schon, den Kopf langsam senkend, daß wir fliegen. Ich hebe wieder den Kopf und sehe ihn über mir fliegen, — ah wie das wundervoll war, einen großen Vogel einmal so nahe fliegen zu sehen, wie die gewaltigen Fittiche nach vorn ausgreifen und sich spannen, Feder um Feder, wie sie krachend und knatternd, in immer demselben langen, steten Schwunge ausholend, nach hinten schlagen, die biegsamen Schwingenenden peitschend ganz an seinen Leib sich anpressen, daß er wie flügellos vorwärts schießt! Und ich dicht unter ihm, sitze in starken Seilen, die seine Krallen halten, in den Tiefen unter mir rollen goldene Länder, von Wolkenschatten, von den Hieben der Goldspeichen am Sonnenrade riesig durchfegt, und wie ich jetzt, ganz lusterfüllt, zu dem Adler aufsehe, öffnet er den Schnabel und lacht lautlos. Ich senke das Gesicht, denke an Bogner, und darüber vergeht alles.