Renate

Renate von Montfort an Benvenuto Bogner

Waldhausen bei Altenrepen, Güntherstr. 5, 24. Nov.

Lieber Herr Bogner,

Hier sind Magdas Briefe. Sie dürfen annehmen, daß mein Vertrauen zu Ihnen nicht geringer ist als das Magdas, wie Sie es in diesen Briefen erkennen werden.

Ein gar nicht unfeiner Mensch, nämlich mein Vetter Josef, sagte einmal zu mir, meine Erscheinung sei von solcher Art, daß alles andre vor ihr seine Gültigkeit verlöre. Das mag Sinn haben oder Unsinn: es gesagt zu hören reizt, und das Gleichgewicht wird gestört. Daher, seit ich wußte, daß ich einmal so mit Ihnen zu reden haben würde, wie ich es tat, bin ich seelenfroh, diesen Telephonausweg gefunden zu haben und Ihnen in Unsichtbarkeit gegenübertreten zu können. Ich fand, wir waren Beide unangreifbar in jener Stunde, außer dort, wo wir selber es zuließen.

Aber Sie erinnern mich an den einzigen Mann, der mich einmal angerührt hat. Es war in Tirol, und der Mann war ein Kardinal, ein schöner, weißer Schädel mit funkelnden, braunen Augen. Er legte mir zwei Finger unter das Kinn und sagte etwas von einer holden Alpenrose. Damals mußte ich mich so zusammenreißen wie vor Ihnen am Telephon. Soll ich Ihnen sagen, wie ich damals triumphierte? O königlich! Indem ich einen Ring vom Finger zog, ihn fest und mit tiefster Verneigung in seine Hand drückte und auf seinen höchlich erstaunten Blick in meiner bescheidensten Haltung antwortete: „Umsonst, Eminenz, pflegen Diener Ihrer Kirche doch nie ihre segnende Hand aufzulegen!“

Gestern abend sprach ich mit Ihrer Mutter, sah auch Ihren Vater, ohne daß er mich hätte sehen können freilich, denn nach einem jahrelangen Augenleiden ist er nun am Erblinden. In einiger Zeit soll noch eine Operation versucht werden, auf die aber — es ist grüner Star — niemand Hoffnung setzt.

Ihre Mutter soll sich seit vielen Jahren kaum verändert haben, so brauche ich sie nicht zu beschreiben. Ihr Haar ist fast weiß geworden freilich, dafür hat sie aber die lebhaftesten braunen Augen und scheint sich eine unaufhörliche Bereitschaft zur Heiterkeit zugeschworen zu haben. Ich konnte sie allein sprechen und Ihre Grüße ausrichten. Sie erschrak ein wenig, schwieg aber und ließ mich erklären, auf welche Weise ich Sie kennenlernte. Als ich sagte, Sie dächten daran, im Frühjahr zu kommen, sagte sie nur: „So? Ja, es ist ja nun spät geworden.“ — Ich blickte nach Ihrem Vater hin und fragte, es sei wohl höchste Zeit. — „Ach,“ meinte sie ruhig, „vor zehn Jahren wäre es Zeit gewesen. Nun hat man sich ja daran gewöhnt.“ — Ich habe natürlich nicht all ihre Worte behalten, erinnere mich aber, daß sie auf mein Befragen anfing zu erzählen und bald sagte, daß es für sie nur in den ersten Jahren hart gewesen sei. „Er war doch noch ein Junge, der nichts von der Welt wußte, und sicher hat er gehungert,“ sagte sie, „und das war wohl das Schrecklichste für mich, neben seinem Vater wach liegen zu müssen und zu hören, wie er selber wach lag und oft stöhnte, und nicht weinen zu dürfen. Dann gewöhnte man sich schon daran, und dann starb unsere kleine Erika — die Nachricht erhielten Sie wohl? — und da fing alles wieder von vorn an, und als dann auch Herbert sein Examen gemacht hatte und fortging, waren wir ganz allein.“ Aber dann, sagte sie, hätte sie ja wohl merken müssen, daß zwischen Ihnen und Ihrem Bruder gar kein Unterschied sei, denn der sei die ersten Jahre wohl noch in den Ferien gekommen, dann aber immer seltner und zuletzt nur noch Weihnachten, und so sei es wohl mit den Söhnen. Freilich hätte sie für Herbert ja immer noch sorgen können, seine Wäsche besorgen und ihm das und jenes schicken, auch hätte er ja immer fleißig geschrieben. Nein, sie dürfe sich gar nicht beklagen, nur ihr Mann wäre zu bemitleiden, weil er von hartem Charakter wäre, alles in sich verschlossen hätte und nur immer stiller geworden sei. „Wer hätte auch gedacht, daß er ganz fortbleiben würde, Vater hätte ihn ja gerne wieder aufgenommen, wenn er ihm nur gezeigt hätte, daß es ihm Ernst war mit dem Malen.“ Nein, sie selber habe gewiß am wenigsten gelitten, und schließlich sagte sie, „wenn man weiß, er ist am Leben und kommt vorwärts und ist zufrieden mit seinem Dasein, — was kann man denn mehr wünschen?“ Übrigens habe sie auch Nachforschungen nach Ihnen angestellt, gestand sie; sie lachte herzlich, als sie erzählte, wie sie sich das Geld dafür von ihrem Haushaltsgeld habe absparen müssen.

Ach, Bogner, glauben Sie, ich wollte Sie rühren mit alledem? Sie haben aber wohl recht mit Ihren ‚romantischen Vorstellungen‘, denn wenn man eine alte Frau sagen hört: „Das Leben hat es wohl immer anders mit uns vor, als man so träumt, und wenn man sie herumlaufen sieht, wenn sie klein sind und nach allem fragen müssen und schreien, wenn sie sich gestoßen haben, dann meint man ja, es bliebe ewig so und man müßte immer hinterher sein, aber das wollen sie freilich gar nicht.“ Wenn man sie dann lachen hört, so ist allerdings alles nur einfach und gut und etwas kümmerlich, und so natürlich sieht es aus, daß man es fast nicht begreifen kann, wenn dieselbe Stimme nach einem Schweigen sagt: „Manchmal muß ich allerdings jetzt noch mitten in der Nacht aufwachen und denken, er steht vielleicht am Zaun draußen, oder man glaubt, seinen Schritt zu hören, aber es ist nur sein Vater, der noch ein Glas Bier getrunken hat, und nun muß man aufpassen und darf doch nicht aufstehen, weil er kaum noch sieht und doch nicht will, daß ihm jemand hilft.“