Ihre Mutter läßt Sie wieder grüßen, und Sie sollten kommen, wann Sie es für richtig hielten; Ihr Bett stünde auf dem Boden und könnte jeden Augenblick heruntergeholt werden.

Ich hab Ihnen dieses aufgeschrieben, weil ich viel zu gut weiß, wie sehr Sie schuldlos sind. Wenn hier Fehler sind, so liegen sie in der menschlichen Natur, die will, daß alles Leidende sich in sich selbst verhärtet. Da Sie einen einsamen Weg gingen, so schadete Ihre Selbstverhärtung niemandem sonst, und Ihnen selber war sie ja notwendig. Wenn aber Ihr Vater hier die Schuld tragen sollte, so trug er auch die ganze Last, da er zu einfach war, um nicht nur nach innen zu wachsen, und Ihre Mutter hatte es zu leiden. Dies sollten Sie wissen. Gott befohlen!

Renate Montfort

Benvenuto Bogner an Renate von Montfort

Helenenruh, 29. November

Liebes gnädiges Fräulein!

Freiwillig und gerne gestehe ich Ihnen ein, daß ich Ihnen nicht durchaus wohlgesinnt bin. Nicht durchaus. Können Sie folgenden Unterschied machen: Sie hören, daß ein fremder Mensch dies und jenes über Sie geäußert hat. Nichts, das vielleicht ungünstig wäre. Aber Sie hören, daß ein andrer sich eine Meinung über Sie gebildet hat. Auf Grund seiner vollständigen Unkenntnis. Sie würden ihm nicht wohlgesinnt sein.

Dagegen ich, ich kenne Ihre Züge, hörte Ihre sanfte Stimme und vernahm Wohlmeinendes. Ihr kluger Vetter übrigens scheint mir so sehr recht zu haben, daß auch die telephonische Unsichtbarkeit die Richtigkeit seines Satzes nur erhärten konnte. Übrigens vergaßen Sie, daß ich Ihr Bild kenne, wie unsre Kleine Ihnen schrieb. Es steht fest, daß Ihnen kaum zu widerstehn ist, und so verlasse ich meine Zehnjahrsschweigsamkeit und rüste mich, zu reden.

Sie kamen mit einer fertigen Meinung. Ein solcher Mensch mußte einmal kommen, einer, gewissermaßen, der mich zur letzten Nachprüfung meiner selbst zu bewegen wußte. Jedem Fragenden hätte ich Auskunft gegeben. Meine Natur ist friedlich. Sie kamen mit Müttern und unzählbaren Erinnerungen.

Haben Sie unrecht? Habe ich unrecht? Sie nötigen mich, alles von vorn zu bedenken. Dies aber scheint mir nicht notwendig. Sie meinen, von dem, was Sie über meine Mutter aussagten, hätte ich nichts gewußt? Wohlan!