Sie erinnern mich an einen Tag, kurz bevor ich ins Kadettenkorps abmarschieren sollte, weil ich Ostern um Ostern meiner Versetzung den heftigsten Widerstand leistete. In seinem Zimmer zwischen den Apparaten und Glasschränken mit ärztlichem Handwerkszeug hatte mein Vater den schönsten Kasten mit Ölfarben, die herrlichsten Pinsel und die größte, braunglänzende Holzpalette ausgebreitet. Meine unwahrscheinlichsten Träume funkelten da. Er sprach liebreich und gütig zu mir. Am Ende bat er mich um mein Ehrenwort, daß ich diese Gegenstände nur an Sonntagen berühren würde.
Früher hatte ich doch kein Gewissen vor ihm gehabt und ihn hundertmal hintergangen und belogen. Warum stand es nun auf und sagte: Er will dich verlocken! und verweigerte das Versprechen? Warum diese Ehrlichkeit, da ich doch entschlossen war, aus dem Korps zu entspringen?
Hatte er unrecht? Er verfuhr wie der liebe Gott, sagte: von diesem Baum darfst du nur Sonntags essen, wollte aus mir einen ruhigen Bürger machen, der sich zu bezähmen weiß.
Da erinnern Sie mich nun an die Stunde, Jahre danach, wo das Bild dieser sich wiederum aufstellte, Arztzimmer, Malgerät und der schwere, grauhaarige Mann mit ausgestreckten Händen, aber nun heißt es nicht: er will dich verlocken, sondern: er hat dir doch eine Freude machen wollen ... So heißt es nun.
Was denken Sie sich dabei: „Er hätte ihn ja gern wieder aufgenommen, wenn er nur gesehen hätte, daß es ihm Ernst war mit der Malerei“? Sie denken, was mein Vater dachte — nun weiß ich es freilich längst —, daß Ernst nicht von einem Menschen unter zwanzig Jahren zu erwarten ist, denn dies ist bürgerliche Meinung; nicht von einem Siebzehnjährigen, der seit seinem ersten Weihnachtsfarbenkasten, den er mit sieben Jahren bekam, nicht von ihm wegzubringen war, nicht mit Prügeln, nicht mit Hunger, nicht mit Einsperren, nicht mit Taschengeldentziehung, da er vielmehr hinging und die Kasse seiner Mutter bestahl. Armes Kind, vor zehn Jahren hab ich es wirklich nicht besser gewußt.
Am Telephon sagte ich Ihnen Dank für eine schöne Stunde. Bin ich nun erzürnt auf Sie? — Ich bin verwundert. Herzlich sehr verwundert.
Vielleicht wünschen Sie, fünfzehn Jahre wie eine Kugel zurückzurollen, hin woher sie kam. Mädchen, was für Gedanken! Gut und weich ist Ihr Herz, Sie denken, alles hätte auf andre Weise auch geschehen können.
Ja, Sie haben ein Herz für Andre, sind gut und hülfreich. Wer wollte das nicht sehn? Es ist zu sehn, wie ein angenehmer Wind, wenn er im Fernen durch ein Kornfeld geht. Man empfindet ihn nicht am eignen Leibe. Den trug man fünfzehn Jahre für sich alleine umher. Kein Wind kam.
Aus Ihnen redet das Mütterliche. Sie sorgen schon um eigene Kinder.
Zweiunddreißig Jahre bin ich nun alt geworden, ohne heut zu wissen, ob ich gerecht gehandelt habe. Mit Neunzigen werde ich es nicht sichrer wissen. Denn unser Recht und unser Unrecht liegt nicht in unsrer Meinung, und wenn wir sie dem Teufel abgekämpft hätten. Aber in uns brennt eine riesige Notwendigkeit, die uns das Einzige vorschreibt, und vor der keine Meinungen gelten. In Menschenleben wie in dem meines Vaters gilt der Zufall und Zwang, sich zurechtzufinden, es sich leicht zu machen, den Platz zu finden, wo am wenigsten Kümmernisse zu hausen scheinen. All dies umgekehrt trifft auf mich zu.