Herzlich grüßend der Ihrige

Bogner

Fünftes Kapitel: Dezember

Renate von Montfort an Benvenuto Bogner

den 8. Dezember 1911

Was tat ich Ihnen, Fremder? Niemals werde ich mich hindern lassen, bei einem Menschen einzudringen, wenn mein wahrhaftiges Herz mich dazu treibt. Beschämt und verwundet, schweige ich auch heute nicht still, sondern wehre mich kräftig. Sollte ich mich so leicht enttäuschen lassen, möchte ich nicht lange mehr leben. Da wir uns fremd sind, wie sollte es ohne Irrwege abgehn? Auch nach dem ersten Telephongespräch war ich es, die es zum zweiten Mal versuchte. Freilich ist es beklagenswert! Unser jeder weiß um die Stelle, wo alles einfach ist und verständlich, aber wir haben uns zugeschworen, sie nicht preiszugeben ohne die sonderbarsten Ehrenhändel. Man muß Mitleid haben mit Ihnen, denn Sie sind der Ungeschicktere, als Mann, und weil Sie immer allein waren.

Ich will Ihnen sagen, was Sie vergaßen.

Dort lebten Sie, Ihre Eltern hier. Als Sie fortgingen, fingen Sie das Labyrinth an, die viel hundert Verwandlungen. Alltäglich ein neues Gesicht, eine neue Haut, ein neuer Blick, eine neue Welt. Immer stand Ihnen das Auge einwärts gerichtet in die Schar der unzählbaren Visionen, Möglichkeiten, Aufgaben. Sie lebten unter Gottes Augen. Sie schlugen sich mit unzählbaren Verwirrungen. Sie schliefen in einem Hammerwerk. Sie wälzten den Block, Sie hatten um sich Luft vom Tartarus, Sie zwängten sich in sich selbst wie einen Keil in einen Baum, Sie vergaßen Ihr eigenes Aussehn hinter zehntausend Vermummungen, Sie waren sich immer rätselhaft, immer unvollkommen, immer widerspänstig, immer wunderbar. Sie lernten Unschätzbares kennen. Den Hunger und die Ohnmacht, die Schlaflosigkeit und das Auge des Gottes im Finstern. Sie erledigten Tausendfaches. Sie hafteten am Einen.

Nein, Sie konnten nicht an Andre denken. Habe ich ein Bild von Ihnen oder habe ich nicht? — Nun eines von Ihren Eltern.

Sie hafteten am Einen: an Ihrem unhörbaren Schritt. Sie lernten die Schlaflosigkeit mit dem ewigen Nachtgebet: Auch heut ist er nicht gekommen. Sie litten die unaufhörliche Ohnmacht, nicht zurücknehmen zu können. Und sonst? —