Alltäglich ein altes Gesicht, ein altes Tun, eine alte Sorge, eine alte Bitterkeit. Alltäglich ein unveränderliches Ich, ein vollkommenes, fertiges, unverstandenes und doch einfachstes, immer gleiches. Sie wurden alt, sonst nichts. Sie blieben auf ihrer Stelle wie sanfte Tiere und hatten nichts als ihr Älterwerden. Sie hofften jahrlang und hofften dann nicht mehr. Sie vergaßen am Ende. Sie hatten nur das endlose Einschlafen, sie wurden immer schläfriger wach, sie konnten sich an nichts messen, sie waren die Einsamsten. Sie hatten ja noch einen Sohn, sie hatten Arbeit, Sorge, Freuden, das tägliche Leben. Ist es nicht elend, Freund, entsetzlich elend, nichts zu haben als das eigene Leben? — Sie hatten die Stille, wo nichts laut ist als das eigene Atemholen. Sie hatten auch den Zorn vielleicht, die Bitterkeit, denn: sie waren immer die Unterlegenen. Oh sie hatten das Allerschlimmste: sie konnten nicht verstehn. Sie wußten von sich selber nur wenig, und wenn sie einmal nach oben fragten, so gab es immer nur die eine Frage: warum ist dies so? Warum ist es denn nicht anders? Wäre es anders nicht besser? — Ihnen war es nicht gegeben, sich selbst zu bezwingen, denn — oh Ihre Weisheit! — sie kannten das Auge der Notwendigkeit nicht! Sie hatten nur gelernt, daß alte Menschen erfahrener sind als junge. Daß man sich nach ihnen richten müßte. Sie hatten einfache Dinge gelernt. Nie hatten sie gehört, was Ausnahmen sind, wie sollten sie eine erkennen, wie sollten sie einwilligen? Unter ihren Lehrsätzen war der kostbarste der: Wenn du einmal so alt bist wie wir, dann wirst du uns recht geben.

Mache ich Ihnen Vorwürfe? Klage ich an? Ach, ich wollte, ich könnte es, ich wollte, ich könnte Ihnen vorwerfen, warum Sie nicht noch besser geworden sind, warum Sie niemals das Eine bedacht haben, daß Sie in sich selber alles besitzen, daß Sie mit Leichtigkeit der Unterlegene hätten scheinen und nachgeben können, da es Ihnen nichts verschlug, ob Ihre Eltern glaubten, recht und gesiegt zu haben! Wieviel größer wären Sie, wenn Sie das Unrecht an sich gerissen hätten!

Nun vergeben Sie mir! Heute nur, heute sage ich Ihnen all dies, damit Sie wissen, zu wem Sie kommen, wenn Sie heimgehn, wen Sie zurückließen und wen Sie wiederfinden. Alte Menschen, augenlose, die arme und eingelernte Worte murmeln, die mit zwanzig Jahren alles auswendig wußten, die immer nur die paar alten Bücher in neuen Auflagen, in ihrer armen Blindenschrift jahraus jahrein nachtasten, und da stehn Sie nun in Ihrer Sonne und sind nicht zufrieden.

Weiß ich zuviel? Jedes meiner Worte stand im Gesicht Ihrer Mutter leserlich. Ich habe, auch ich, nur gelesen mit meinen ‚sehenden Augen‘, die — nach Ihnen — eine Gabe sind — und ein Gesetz.

Gott befohlen!

Renate Montfort

Benvenuto Bogner an Renate von Montfort

Helenenruh, 14. Dezember

Liebes fremdes Fräulein:

Immer ist mir die Gestalt jenes Mädchens rührend gewesen, der Pallas Athene, die um Odysseus am Ufer den Nebel zerteilte und ihm seine Insel zeigte, die er nicht erkannte. Vor vielen Jahren kannte ich eine Frau, die ich mit der Göttin verglich; damals stand ich im Anfang, und es war ein andres Land, in das sie mich hineinführen wollte. Meine richtige Heimat wars. Dem Odysseus war die Göttin immer unsichtbar geblieben, obwohl sie ihm half; erst, als die Mühsal beendet, als er anlangte, gab sie sich zu erkennen. Ich freilich, ich gehe nicht meinetwegen heim, denn ich bin dort nicht zuhause, aber am heutigen Tage und angesichts Ihrer schönen, glühenden Bewegung will es mir wohl scheinen, als ob nur dieses der Grund war, weshalb ich nicht lange schon dorthin ging: es fehlte nur jemand, der es mir sagte, der mich bedenken hieß, der mich verlockte.