So schön ist dies an euch, ihr sonderbaren Geschöpfe, so schön ist eure ewige Bereitwilligkeit. Von euch selber seht ihr gerne ab, aber immer steht ihr vor einem Tor, das ihr jemandem aufschlagen wollt. Immer zu irgend etwas wollt ihr verlocken, immer helfen, immer alles öffnen, immer einladen, immer begütigen. Unbedenklich greift ihr das Schwerste an, als sei eben dieses das Allerleichteste; als sei es das Einzige jedenfalls, was in diesem Augenblick zu geschehen habe, und als ob ihr über göttliche Kräfte verfügtet. Denn immer seid ihr stark für Andre, die ihr für euch selber meist hülflos, unwissend und von vornherein unterlegen seid.
Muß ich noch mehr sagen? Ihre Worte haben mir alle wohlgetan, und ich mache das Zugeständnis, das ich bisher nur mir selber abgelegt habe, mit Freuden auch Ihnen: daß ich bedächtiger hätte sein können. Das nützt ja nichts, aber ich glaube, es macht Ihnen Freude, es zu hören.
Nun muß ich einiges über Magda schreiben.
Die Briefe sind hier mit vielem Dank zurück. Von allem, was die arme Kleine betroffen hat, wußte ich ja Einiges —, die Geschichte der Wahrsagung, ohne freilich die letzten Folgerungen Magdas auf den al Manach. (Der schüttet sich noch immer aus, es ist eine ziemliche Qual, das anzusehn, man hat die Vorstellung, daß er auch die Nächte nicht anders herbringt, und dabei wird er dünn wie ein weißer Faden. Und all das nicht ganz ohne Komik ...) Nein, es ist am besten, ich schweige über alles; wir müssen warten.
Es geht ihr herzlich schlecht, das muß ich gestehn. Die Krankheit ist behoben, sie ist seit ein paar Tagen fieberfrei, aber matt wie ein verregneter Kohlweißling, mag nicht aufstehn und nicht liegen, ist mißlaunig geworden, kann das Licht nicht vertragen und ist immer müde. Als ich hierherkam, war sie das reine Kind, kindlich weise und lerchenhaft, jetzt sieht sie altjüngferlich aus, gelb und hat grausame Falten um den Mund. Die einzige Kraftanstrengung merkte ich ihr an, als sie mir auftrug, Ihnen auf das bestimmteste zu verbieten, daß Sie kämen. Dazu muß ich selber sagen, daß ich Ihrem Kommen zurzeit wenig Einfluß zutraue. Vieles in ihr mag nur körperliche Mattheit der kaum überwältigten Krankheit sein, deshalb dürften Sie zu einer späteren Stunde gelegener kommen, wenn nicht gar eine andre notwendiger sein wird. Sie spricht oft von Ihnen.
Folgendes trug sich gestern zu:
Ich hatte ein Weilchen an ihrem Bett gesessen und Silhouetten von Rosen geschnitten bei halber Dämmerung; dem sieht sie gern zu. Als ich dann am Fenster stand, hörte ich sie plötzlich ganz laut sagen: Georg! — Ich wartete eine halbe Minute und sagte dann: Nun? mit meiner gewöhnlichen Stimme, worauf ich sie ein wenig später mit einem leisen Seufzer antworten hörte: Weißt du, Georg, es ist doch schwerer, als man so denkt. — Nun ging ich zu ihr und sagte möglichst freundlich: Georg ist nicht hier, mein Kind, möchtest du ihm etwas sagen? — Sie sah mich lange und zweifelnd an und fragte: Meinst du nicht, Maler Bogner, daß der Prinz ein guter Mensch ist? — Gewiß, sagte ich, und nun rief sie mit einem triumphierenden Blick, als ob sie mich jetzt erwischt hätte: Warum ist er denn nicht hier und hilft mir? — Danach besann sie sich und setzte altklug hinzu: Aber er muß ja fleißig sein und Herzog werden, da kann er natürlich nicht kommen, nicht? Ich bestätigte ihr das, und nun sagte sie nichts mehr.
Dies hat mich aber auf den Gedanken gebracht, ob es vielleicht nützlich sein könnte, daß ich dem Prinzen schreibe und ihm nahelege, Magda ein Zeichen von sich zu geben. Was meinen Sie dazu?
Noch dies, daß ich glaube, die Jahreszeit ist an Vielem schuld. Sie schrieb ja, daß sie sich vor dem Garten fürchtet, deshalb wehrt sie sich auch so gegen das Fenster, hinter dem es stürmt und wirbelt. Es wird das Beste sein, wir lassen Weihnachten noch vorübergehn; danach ist meine Zeit in Helenenruh abgelaufen, und Sie versuchen dann, was zu tun sein wird. Wenn es Ihnen möglich sein wird, mit ihr nach Italien zu gehn, so wird es Ihnen auch besser als mir gelingen, ihren Vater von der Notwendigkeit einer solchen Reise zu überzeugen, da er sie zurzeit dicht am Gesunden glaubt, jeden Tag eine Minute an ihrem Bett steht und meint: Es wird schon werden!
Ihnen herzlich dankbar und wieder „durchaus wohlgesinnt“