Bogner
Renate an Bogner
Am 22. Dezember
Lieber Freund,
Ihre beiden Skizzenblätter von Magda haben mich mehr erschreckt, als Sie sich denken können. Das ist aus ihr geworden? Man möchte ja verzweifeln, wenn einem nichts einfällt, um das wieder gutzumachen. Und was haben Sie für eine Hand! Erinnern Sie sich an das, was Magda schrieb, wie sie erschrocken sei über einen gezeichneten Zug ihres Gesichts: als sei er daraus fortgenommen? Das kann ich nun begreifen, denn diese beiden Gesichter sehen so wirklich aus, als könnten sie nur hier, auf diesem Papier sein, als hätten Sie sie von dem ihren abgenommen, — ach, wollte Gott, Sie hätten es wirklich getan und sie wäre ihrer ledig für immer!
Zu Ihrer Idee mit dem Prinzen kann ich nicht ja und nicht nein sagen. Da ist dies Gedicht, das er ihr damals schickte ... Nun, ich kann mich ja irren und bin gerne bereit dazu, — aber liebevoller als dies bereitwillige, sozusagen postwendende Verstehen und Einverständnis, dies aufs Geratewohl prophezein (oder ist soviel Ahnungsvermögen glaublich?) würde mir weniger Verständnis und mehr Schmerz, weniger Entsagungsfreude und mehr Widerstreben erscheinen. Überhaupt dies hurtige Umsetzen von Gefühl in Klang und Beweis, dies Vergleichefinden und so weiter, — dichterisch mag es ja wohl sein, und glauben Sie auch nicht, daß ich es menschlich unwürdig finde! Es macht mich nur an seinen Gefühlen für Magda zweifeln, für die er durchaus niemandem, auch ihr selber nicht, verantwortlich zu sein hat, da bekanntlich, wo nichts ist, der Jude sein Recht verloren hat, aber —. Aber. Punkt.
Viel Mühe habe ich mir gegeben, aus Ihrer Darstellung von Magdas Zustande herauszulesen, daß sie auch des Grübelns müde geworden ist, doch bin ich nicht ganz überzeugt. Da mußte ich bedenken: Aus unsrer Kindheit in das Reich der Seele zu gelangen, aus Kindern Gotteskinder zu werden, oder wie man es ausdrücken will, das ist doch wohl unsre Aufgabe. Da giebt es nun unter uns Viele, die können derlei Aufgaben nur in schrecklich harten Stufungen erledigen, und deren einer ist unsre Magda, die aus dem unwillkürlichen Jugendland, wo das leicht bewölkte Gemüt über allem blaut und sich bescheinen läßt, nur über diese Messerbrücke des Gedankens, des grübelnden Erleidens gehen konnte, — wohin? In das eiserne Haus, das Arsenal, wo die Seelen ausgeteilt werden wie Kleider? Unsre Vorstellungskraft reicht ja für seelische Dinge niemals aus, und es klingt wohl absurd, was ich sage. Ich hätte Saint-Georges vorher fragen sollen. (Das ist ein neuer Freund von mir, der sich dadurch auszeichnet, daß er alles weiß.) Sie sind ja auch ein weiser Herr und begreifen vielleicht, was ich sagen wollte.
Morgen ist Heiligabend. Da ist mir einigermaßen bänglich ums Herz, denn kurz vor dem vorjährigen starb mein Vater. Was Weihnachten ist, werden Sie kaum wissen, mir aber vielleicht doch erlauben, Ihrer herzlich zu gedenken und einer alten Frau eine Blume zu bringen.
Wann kommen Sie?
Renate Montfort