Renate an Magda

22. Dezember

Meine liebe, liebe Magda!

Einen Weinachtsbrief bekommst Du, obgleich Du, wie es scheint, geschworen hast, mir nicht zu schreiben. Freilich in Eile, denn es giebt unbeschreiblich viel zu tun. Alle Angestellten werden beschenkt und haben Feiern und haben unzählbare Kindlein, die Geschenke und Feiern haben wollen, und dann sind noch die Armen und die Kinder der Armen, und allesamt wollen mir den Kopf ausreißen. Ich bin froh, daß Du nun wenigstens wieder außer Bett bist. Wenn Du morgen nicht selber ans Telephon kommst, wird es das letzte Mal gewesen sein, daß ich angerufen habe, hörst Du?

Die Heidermappe vom Kunstanwärter (Josefs Bonmot!) wird vielleicht den Groll des Malers erregen, aber da ich sie im Buchladen fand, schien sie mir sehr schön, und Du wirst eine kleine Hirtin darin finden, die genau so aussieht wie Du, als Du in Genf einzogst.

Ach, Liebste, Gott gebe nur, daß Du empfinden kannst, daß Weihnachten ist! Ich habe Dir närrisches Zeug geschrieben, nur um zu verhindern, daß mir die Augen wieder naß werden, wie immer, wenn ich an Dich denke. Ich weiß auch nicht, was das mit mir ist. Ich habe ein seltsames Angstgefühl schon seit vielen Tagen, mitten in allem Getriebe und den Vorbereitungen, um Dich natürlich, warum sonst, und unbeschreibliche Sehnsucht nach Dir und Deinen armen bekümmerten Augen. Bogner soll Dir einen Rahmen für das Hirtinnenbild verschaffen, damit Du es jeden Tag vor Dir hast und lernst, wie Du aussehn mußt, wenn nicht gar zu traurig sein soll Deine Dich tausendmal zärtlich küssende

Renate

Die Handschuh sind sämtlich von Onkel mit einem Kuß ‚auf die zierlichste Hand‘; hoffentlich habe ich die Nummer richtig behalten.

Bogner an Georg

Helenenruh am 22. Dezember