Hast Du den Maler gern? Ihr schreibt Euch ja wohl täglich, oh ich bin nicht eifersüchtig, Ihr seid ja Beide viel klüger als ich und paßt zueinander. Wenn Ihr dann heiraten wollt, kann die Hochzeit ja gleich mit Irenes zusammen sein.

Ich muß aufhören. Papa hat seinen Toddy fertig und ist begierig, die Fortsetzung von ‚Jettchen Gebert‘ zu hören. Er hat es fertig gekriegt, daß Jason nur noch Romane aufsagt, und läßt grüßen. Grüße auch Deinen Onkel! In Liebe küßt Dich Deine Freundin

M.

Bogner an Renate

Helenenruh am 24. Dezember

Heiligabend. Heiligabend? Heiligabend. Komisch.

Es wurden Äpfel gegessen. Es wurde Marzipan gegessen. Ein großer Baum brannte voller Lichter. Es wurden Mürbekuchchen gegessen. Es wurden Makronen gegessen. Es lag alles voll von Geschenken. Großäugige Dienstboten in Verlegenheit. Es wurde Spekulatius gegessen. Es wurde Schokolade gegessen. Herr du meines Lebens! Es wurde Heringssalat gegessen. Es wurden abermal Äpfel, Marzipan, Spekulatius, braune Kuchen, Nüsse, Datteln und Pfefferkuchen gegessen, und jemand in einem himmlischen silbergrauen Kimono sang sehr leise: Es — — ist — — ein Ros — — ent — — spru — u — — gen — —

Ich erinnere mich, dies ist ein Fest der Mägen und der Kindheit. Es läßt sich nicht umgehn. Es stimmt die Seele freundlich. Da sitze ich in einem angenehm erleuchteten Zimmer voll vieler kleiner Pferdeporträte, es schlägt elf Uhr, ich mache mein viertes Glas heißen Toddy zurecht, ich sehe den Jason al Manach in der Sofaecke sitzen und daß er glänzende Augen hat und wie ein Schlot raucht. Ich glaube, er hat einen schönen Charakter. Ich esse Pfeffernüsse, nie im Leben aß ich soviel verschiedene Dinge hintereinander. Ich muß ein glücklicher Mensch sein. Ich fragte den Almanach nach einem Zitat mit Kindheit! „O Kindheit! O entgleitende Vergleiche!“

Jemand packte mit schwachen Fingern eine ungeheure Kiste aus; die Papiere nahmen kein Ende. Schließlich fiel doch etwas großes Graues an die Erde. Bald darauf stand jemand unter dem Kronleuchter, drehte sich und suchte an einem riesigen Lichterbaum vorbei sein Abbild im großen Pfeilerspiegel zu erhaschen, wo es ganz fern und seltsam hinter demselben gespiegelten Lichterbaum sichtbar wurde, bekleidet mit einem silbergrauen Kimono, auf dessen Rücken ein lebensgroßer weißer Pfau in Silber und Weiß gestickt war dergestalt, daß sein Kopf zwischen den Schultern des Gewands, der ausgebreitete Schweif mit hundert Federn und schneeweißen Augen über die weiten Ärmel und bis zum Kleidsaum hinunterhingen. Geschenk vom Maler Bogner; aus eigenem Besitz; extra aus Berlin geholt.

Auch Maler Bogner besitzt einen nicht unschönen Charakter. Er traf das Richtige. Auch ein längeres Telegramm vom Prinzen Georg war sein Werk und wirkte bedeutend. Ich bin doch geneigt, die Hauptwirkung dem Kimono zuzuschreiben. Derselbe war unwiderstehlich. Er ließ sich nur glatt streichen. Dies war seine unübertreffliche Eigenschaft. Damit erledigte sich alles. Wir kehrten allesamt freudestrahlend zur Kindheit zurück und sangen völlig falsch, aber liebevoll: Sti — ille — Nacht! Hei — lige Nacht! — Ach, du liebe Zeit!