Sie hätten es sehen sollen! Wie der Kimono sich langsam in B. Bogners Händen entfaltete. Wie zwei schlecht gelaunte Augen und ein weinerlicher Mund aufmerksam wurden und stillstanden. Wie unter einer Reisedecke eine Hand hervorkam und zaghaft zufaßte. Wie der völlig in Andacht verlorene Mund das eine, beseligte Wort: Seide! hervorbrachte. Wie die Augen um Gnade baten, aber der Mund nicht wollte. Wie der Mund nicht mehr widerstehen konnte, und die Augen widerspänstig waren. Wie der weiße Pfau strahlte. Wie auf Stirn, Mund und Wangen das Wort Kindheit aufbrach wie ein Zimmer voll Kerzen und Geschenke. Wie die Reisedecke fortflog, und viel Gram und Kümmernis hinschwand vor einem weißen Pfauenschweif.

Es ist lieblich, Feste zu feiern, wenn die Gelegenheit es mit sich bringt. Weihnachten ist mir erinnerlich, wo ich bei einem Talglicht über Kupferplatten gesessen habe tränenden Auges, ohne etwas von den Möglichkeiten des Abends zu wissen; Weihnachten, wo ich mit angezogenem Paletot im Bett lag und beim Licht einer Straßenlaterne Käfer auf der hellen Wand über mir herumlaufen sah; Weihnachten in einer Waschküche, gehüllt in weiße Dünste, einen Kaffeetopf in der Hand; Weihnachten in einem angenehmen Frauengemach neben einer Stehlampe und einem dunkelhaarigen Mädchenkopf, der sich über Holzschnitte von Schongauer und Dürer, über Schwarzweißblätter von Beardsley beugt, — sie liegt nun zwölf Jahre schon still und beruhigt in Weißensee unter einem prächtigen Monument, aber ich vergesse sie deshalb nicht. Auch Weihnachten im blauweiß karierten Aschinger vor einem Paar Bierwürste mit Salat, und Weihnachten mit einem Handköfferchen in der Hand in einem schönen Geschäftszimmer vor einem zornigen alten weißbärtigen Herrn neben einem offenen Geldschrank. Ja, da stehe ich im siebenzehnten Jahre meines Lebens, bei mir mein Kamerad, der Sohn des zornigen Kaufmanns, der mir eine ungeheure, donnernde Rede gehalten hat, ob ich mir einbildete, daß er meine verrückten Streiche hinter dem Rücken meiner Eltern unterstützte, worauf er den Geldschrank aufschloß, seinem Sohn bedeutete, daß er auf denselben achtgeben solle, bis er wiederkäme, und verschwand. Da bestahl nun der Sohn den eigenen Vater, und B. Bogner fuhr in dieser Nacht in die Welt, um ein Maler zu werden.

Ich sehe, man kann Weihnachten auf so vielerlei Arten begehn, wie es Dinge an diesem Tage zu essen giebt.

Dies glaubte ich Ihnen sagen zu müssen. Nehmen Sie es freundlich auf! In den nächsten Tagen fahre ich zum Herzog. Je nachdem wie die Arbeit vonstatten geht, komme ich im April oder Mai nach Altenrepen.

Gute Nacht, freundliches Wesen!

Bogner

Georg an Magda
(Telegramm)

24. Dezember

Hier ist Georg, Anna, steht draußen vor der Tür und weiß nicht, ob jemand drinnen ist. Erlaubst Du ihm, ganz leise anzuklopfen, weil Weihnachten ist? Ich bin in Trassenberg, diese Hälfte des Semesters war schrecklich. Mama und Papa wünschen Dir und Deinem Vater ein schönes Fest, ebenfalls Dein einsamer alter Georg.

Magda an Renate