Am ersten Feiertag
Renate, es liegt Schnee! Über Nacht ist er leise heruntergefallen, während ich fest und warm schlief, und am Morgen schien er durch einen Spalt im Vorhang so hell herein, daß ich gleich hinlief, und da war draußen alles weiß und still, weithin, und kein Unterschied mehr zwischen unserm Obstgarten und dem Park; überall standen die schwarzen Bäume mit dicken weißen Pelzen, und ich hatte die größte Lust, gleich in die Weihnachtsstube hinunterzulaufen, — hast Du das auch getan? damals als man noch klein war? um nachzusehn, ob auch alles noch da war? — um nach meinem himmlischen Feepelz zu sehn und vor allem nach dem Kimono. Aber davon mußt Du Dir von Bogner erzählen lassen. Nämlich, ich bin heut zum ersten Mal draußen gewesen, nur ins Schlößchen hinüber, um ihn zu besuchen, und da war er grade dabei, einen Brief für Dich in den Umschlag zu tun. Den nahm ich ihm weg, und schließlich erlaubte er mir, ihn zu lesen. Geheimnisse standen ja wahrhaftig nicht drin. Nein, was er für ulkige Briefe schreiben kann!
Weißt Du, Renate, wir wollen ihn ja ruhig dabei lassen, daß ich seiner Kimonoidee alles verdanke, und wirklich, — ein wenig schäme ich mich sogar, daß er mich so überlistet hat. Ich wußte ja selber nicht, wie gern und wie lange schon ich wieder ganz gesund werden wollte, aber schon die letzten Tage war mir so sonderbar! Auf einmal war es so schön, müde zu sein, und dann konnte ich mich auf nichts mehr besinnen. Alles war hingeschwunden oder so fremd geworden, daß es mit mir gar nichts mehr zu tun zu haben schien; es war alles wie zugedeckt, ja, wie das Land von der Schneedecke, und ach, ich möchte ja so innig, so innig möcht ich hoffen, daß es im Frühjahr, wenn die Decke schwindet, alles neu und anders geworden ist!
Ich kann gar keine Gedanken mehr fassen. Es kommt mir vor, als ob ich die ganze Welt durchgedacht hätte, und Jahre um Jahre hätte es gedauert, aber nun stehe ich am andern Ausgang und weiß kaum, wie ich dahin gekommen bin. Hilf mir nun, Du Gute, hilf mir, daß ich nicht wieder anfangen muß, immer nur das Düstere und Beklemmende zu denken! Hilf mir, daß ich so einfach und gläubig sein kann wie Du, ich bin ja schwach und einsam, und es geht sich so schwer unter solcher Last von Gedanken, — möchtest Du nicht, daß ich für ein paar Wochen zu Euch käme? Am liebsten käm ich ja morgen schon, aber vor Neujahr leidets Vater nicht; später wird er mich wohl ganz gern entbehren. Wüßt ich nur, was aus dem armen Jason werden soll! Vielleicht läßt er sich mitnehmen, ich muß ihn einmal fragen, wo er eigentlich zu Hause ist. Bogner ist über Nacht eingefallen, wie er mich malen muß; er hats freilich wieder vergessen, aber das sei keine Frage, sagt er, daß er es wieder fände. Dazu braucht er aber mich nicht mehr, und nun will er in den nächsten Tagen nach Trassenberg zum Herzog. Denk Dir nur, wie rührend er ist! Er hat mir einen herrlichen Lampenschirm gemacht aus lichtgrünem Papier mit einer Menge Kreise und darin schwarze Silhouetten von lauter lustigen Personen: Harlekine und Pantalons und Kolombinen, phantastische Vögel und Affen, und das hat er alles selbst geschnitten und aufgeklebt. Sonst hab ich natürlich eine Unmenge Sachen bekommen, die wirst Du alle zu sehn kriegen.
Ja, — ein Telegramm ist auch gekommen, ein langes von Georg. Der liebe, er hat mich also doch nicht ganz vergessen. Es scheint ihm nicht gut gegangen zu sein, ich hörte von Papa, daß er in einem Korps aktiv geworden ist, und das ist wohl nichts für ihn. — Ach, das ist nun auch alles so weit entfernt, und ich weiß nicht einmal, ob ich wünschen darf, daß ich einmal wieder hin finde.
Deinem lieben Onkel laß ich viel, vielmals danken für die wunderbaren Handschuh! Sie passen genau.
Und nimm zum neuen Jahr tausend Wünsche für alles Gute und Liebe und Schöne, alle Erfüllung und viel, viel Freude! Von Deiner
bald wieder ganz gesunden
Magda
Renate an Magda
28. Dezember