Mein Liebstes,
ja, ja, natürlich kommst Du, sobald Du kannst oder willst! Es läßt sich ja gar nicht beschreiben, wie unendlich glücklich Dein Brief mich macht, und ich kann die Zeit nicht abwarten bis zum Wiedersehn! Vergiß weder Tanz- noch Schlittschuh, ich laufe den ganzen Tag auf einem schönen Teich, anzusehn wie ein Komet mit einem so langen Schweif Männer hinterdrein.
Ein Wörtlein, mein Kleines! Dein vorletzter Brief hat eine kleine Stelle, in deren Licht ich etwas, von dem ich bisher nichts wußte, und das doch da und wunderbar schön war, plötzlich erkannt habe, und nun ist es aus damit. Ich schreibe Dir das, nicht weil ich Dir böse bin, sondern damit Du es weißt und niemals — hörst Du? — niemals wieder daran rührst!
Auf Wiedersehn, Herzlein! Komm hoffnungsvoll und dankbar ins neue Jahr! Innige Küsse und Gedanken Deiner alten
Renate
Nein! nein, er ist zu schön! gar zu schön! Immer wenn ich schreibe, steht er nun vor mir und sieht über mich hin mit seinem ewigen Blick! Ech-en-Aton heißt er, ein ägyptischer König vor 2500 Jahren, der zur Sonne betete, und es ist der Gipsabguß einer kleinen Büste von ihm — nur Kopf, Hals und die Ansätze der Achseln — den ich von Georges bekam, meinem Freund Saint-Georges. Stelle Dir nur vor: ein Gesicht nicht größer als meine Hand, so zart wie der frische Schnee, mit — seltsam zu sehen für mich! — mit Georges eigenen, flachsitzenden, länglich geschnittenen Augen, auch seiner Nase — die hier so klein ist und zart wie die eines jungen Tiers, und auch der Mund ist wie Georges’, vorgewölbt, und bei meinem König so wie der eines Seraphs, auf dem immer der Name der Dreieinigkeit ruht wie ein Kuß. Ernst ist er sehr, und nur in den äußersten Winkeln der Augen glänzt manchmal die Allwissenheit wie der Hauch eines Lächelns. Und schön ist er, schön — ach atemberaubend schön! Bald 3000 Jahr alt soll dies sein, diese Blüte von Frische, diese Narzisse des Himmels! es ist nicht zu glauben! So komme nur, komm und sieh, und Du wirst heil sein im Augenblick!
R.
Renate an Bogner
am 31. Dezember
Ein gesegnetes neues Jahr wünscht
Renate von Montfort
So hat sich doch alles zum Besten gewendet.