Sacre di bleu!

So, nun wars aus! Nein, es begann vielmehr im Augenblick von vorne: Hamburg, du — schöne Stadt ...

Georg war im Begriff, den Kopf durch die nächste Fensterscheibe zu rennen, als die Flurglocke schrillte. Cora! zuckte es augenblicks darauf durch ihn hin. Unsinn! fuhr er sich hinwieder an, aber er saß aufgerichtet, eine Hand am Verbande vor der Stirn, in der es nun mit verdoppelter Wut zuckte und kochte, und springenden Herzens. Stimmen ... Schritte ... Nein, eine männliche! — Stille ... Wieder Schritte ... zu seiner Tür. Es klopfte, enttäuscht fühlte Georg sein Herz mit Schlagen aussetzen, während er hereinrief und sich erhob.

Im Türspalt erschien das eirunde, in der kalkigen Helle graubleich scheinende Gesicht des Inaktiven Riesa und seine rundliche, sehr gepflegte Gestalt, in einen zugeknöpften braunen Anzug fest eingepackt. Mit seinen zierlichen Schritten, etwas vorgebeugt, um den Sofatisch kommend, streckte er nach seiner Art die lange Rechte, bei knapp an den Leib geschlossenen Ellenbogen, nach vorne aus, Georg entgegen, der, sie ergreifend, sie eisigkalt und knochig fühlte in seiner heißen.

„Nun, nicht mit nach dem Geiselgasteig?“ fragte er gedehnt und erfreut. „Aber wie schön, daß du kommst!“

Riesa, hinter den ungefaßten, sehr dicken Kneifergläsern und mit schiefgezogenem Mundwinkel lächelnd, daß die kahle Oberlippe Falten bekam, drückte ihn mit behutsamen kleinen Handbewegungen auf den Diwan nieder, was Georg sich gern gefallen ließ, denn nach dem Schreck und hastigen Sichaufrichten wars, als ob sich eiserne Kugeln in seinem Schädel stießen. Dann sah er blinzelnd dem Andern zu, der sein Augenglas, den Bügel in der Mitte fassend, vom Nasenrücken löste, es zwinkernd mit weißblonden Wimpern gegen das Licht emporhielt, dann mit der andern Hand aus der äußern Brusttasche sein Tuch hervorzog und sorgsam zu putzen begann. Langsam, so daß Georg zu frösteln begann, verbreitete sich die Winterkälte von seiner Gestalt aus. Dann verschwamm für eine Weile alles vor Georgs Augen, er hörte sich fernher gefragt: „Wieviel Nadeln?“ erwiderte matt: „Dreiundvierzig“, und: „Alle auf dem Kopf“, und gewahrte nun wieder das unbestimmte Lächeln des schiefgezogenen Mundwinkels, auch die große und dunkle Zahnlücke darin, die das Schiefziehn eigentlich verbergen sollte. — Georg dachte, ohne es zu merken, wie jedesmal: Er sollte sich doch einen Stiftzahn einsetzen lassen ... Riesa trat langsam bis zum Fenster, das der über Eck stehende Schreibtisch halb verstellte, und sah auf die Straße, als wollte er versuchen, ob er auch sehen könnte durch den wieder aufgesetzten Kneifer.

Wie fremd ist einem doch so ein ganz naher Mensch! meinte Georg dumpf im stillen. In seiner andern Körperlichkeit so seltsam fremd! Als ob man gar nichts miteinander zu schaffen hätte. Was wird er nun sagen?

Allein der Andre sah vielleicht etwas auf der Straße drunten oder im Park drüben; er sagte jedenfalls beharrlich nichts.

„Wenn du rauchen willst,“ begann also Georg, „Zigaretten stehn da irgendwo ...“

„Danke schön! Du weißt, ich rauche nur meine Zigarren.“ Und nach eines Augenblicks Pause, während Georg sich noch abmühte, wieder zu finden, was er noch eben gedacht hatte und weiter hatte denken wollen, setzte er hinzu, sich halb herwendend und mit seinen kleinen Betonungen bestimmter Worte: „Übrigens wäre es nicht zu liebenswürdig gewesen, — wenn du schon wolltest, daß ich rauche, — wenn du sie mir eigenhändig angeboten hättest.“