„Du langweilst dich im Café, bei der Kneipe und beim Exbummel. Du langweilst dich immer und überall, — und nur —“ Riesa sprach immer heftiger und scheltender — „wenn es der Durchlaucht gefällt, einmal guter Laune zu sein, ist sie bei der Sache und wird dann leicht ausfallend in einer sehr unbeliebten, ironischen Art. Ja, entschuldige schon,“ schnitt er Georg das Wort ab, „daß grade ich es bin, der dir das sagt, aber da dein Leibbursch leider zur p. p. Suite abwesend ist ... Und vielleicht ists dir doch lieber, ich bin es, als ein Andrer. Unsre Gesellschaft,“ schloß der kleine, friedliche Mensch aufatmend, aber mit Entschlossenheit, „scheint dir nicht zu genügen.“
Georg war überaus verwundert. Was für eine Seite kehrte ihm denn auf einmal dieser sonst so geistreiche Mensch zu? — Er kam freilich im Auftrag ... Aber nahm ihn doch ernst! Irgendwo hat jeder seine Beschränktheit, dachte Georg enttäuscht und entschloß sich endlich zu einer matten Entgegnung, indem er bemerkte, „unsre“ sei doch mindestens übertrieben.
„Darauf,“ war die nur gereiztere Antwort, „darauf, Georg, laß ich mich nun nicht ein. Ich stehe hier nicht allein, sondern für das Korps. Bitte aber, wenn du dich verteidigen willst ...“
Georg saß, die Ellbogen auf den Knien, die Hände gefaltet, mit schmerzenden Augen in die letzte Helle oben starrend. Da Riesa darauf bestand, das Korps zu verkörpern, was war zu antworten? — Endlich wagte er es:
„Ich glaube allerdings, daß ich ... nicht hierher —, wie soll ich sagen? — Ich meine, nicht wahr, es war wohl ein Irrtum, daß ich aktiv wurde“, schloß er, das Gesicht zu Riesa herumdrehend.
„Irrtümer, Georg?“ fragte der bestimmt. „Die bist du wohl so gut, mit dir allein abzumachen!“ Er kehrte sich zum Fenster herum.
Georg fühlte den Schweiß aus seinen Händen brechen und die Brust eingezwängt von Widerstand und Angst. Sie schwiegen wieder. — Wovor fürcht ich mich denn? fragte Georg sich, immer verdumpfter. Es war jetzt ganz finster im Raum. Georg fragte müde, ob er Licht machen solle, aber der Andre wehrte, wieder ganz liebenswürdig, ab: wenn es seinen Augen unangenehm wäre, dann nicht. — Wieder wars still. Dann begann im Hausflur unten gedämpft das kläffende Bellen eines Hundes, das Haustor wurde polternd aufgeschlagen, das Kläffen jubelte hell auf, Georg glaubte einen kleinen weißen Hund zu sehn, der mit dem rasch in die Ferne verhallenden Gebelfer der Freiheit die Straße hinabschoß. Öde dehnte sich in seiner Brust. Er schloß die Augen. Als er sie wieder öffnete, war es plötzlich hell geworden: durch die Fenster fiel von unten der Schein einer Straßenlaterne quer durch den Raum bis an die Decke.
Georg stand auf und begann, die ganz feuchten Hände auf dem Rücken, auf und nieder zu gehn. Sein Denken setzte aus. Was er hätte sagen können, ließ dem Vertreter des Korps gegenüber sich nicht fassen. Gern hätte er sich entladen, geklagt und getobt. War nicht alles ein einziger großer Brei von Stumpfsinn unter Alkohol? Jeder Einzelne ein irgendwie netter, ja reizender Mensch, wenn man ihn allein hatte, aber zusammen ... da wars, als ob die gegenseitige Berührung sie zu Kreide verwandelte.
„Darf ich eine Frage zur Faktischen tun?“ fragte er schließlich.
„Bitte sehr!“