„Wie bist du eigentlich hier herein — geraten! Wie hast du es hier ausgehalten?“
Riesa schien des trocknen Tones nun satt, schien zu lächeln und meinte, inwiefern das wohl zur Faktischen gefragt sein sollte. „Übrigens ... wie ich hereingeriet? Mein Vater war alter Herr hier, ich stand allein, suchte Menschen, Verbindungen. Wie ich es ausgehalten habe? Ja, Georg, wie haltens die Andern denn aus?“
„Du giebst also zu, daß es schwer ist?“
„Daß es mitunter nicht leicht ist, wer wollte das verhehlen? Ich glaube, es giebt Wenige — und es dürften kaum die Besten sein —, die nicht einmal einen Besuch empfingen wie du zurzeit. Das Korps ist doch kein Kinderspiel.“
Georg hörte kaum die letzten Worte. Pompös, allerdings nur in seinem Innern, erwiderte er: Ich will dir was sagen, Riesa! Obgleich du mir vorhin schon Standesallüren vorgehalten hast, erkläre ich dir rund und schlicht: Das Ganze ist ein Stumpfsinn zum Kotzen! —
Warum sage ich das nicht laut? dachte er erhitzt. Ah, wenn ich einmal Herzog bin! Er fühlte seine Hände naß, aber eiskalt jetzt, plötzlich schlugen seine Zähne aufeinander, ein Frostschauer überflutete ihn, in der Kopfhaut liefen siedende Schlangen. Ich habe Fieber, dachte er und streckte sich, ein Ächzen unterdrückend, auf den Diwan. Ach, wie war das alles widerlich und belanglos!
„Und übrigens,“ hörte er Riesas Stimme in weiter Ferne fortfahren, „ich habe ja meine kleine Medizin. Du hast wohl nicht mehr davon gehört, da sie allgemein bekannt ist. Ich bin als Junge, mit vierzehn Jahren, mal von einer Kreuzotter gebissen und mußte eine halbe Flasche Rum austrinken. Seitdem bin ich immun gegen Alkohol. Höchstens giebt es einen kleinen Nebel, a—ber ... als es alle wußten, verloren sie die Lust, mich viel trinken zu lassen. Es hätte ja doch keinen Zweck ...“
„Ja doch keinen Zweck!“ Nun brauste Georg hochspringend doch auf. „Das, ja das ist der ganze Zweck: besoffen zu werden! Menschenkinder, wo habt ihr eigentlich eure Jugend sitzen? Jugend, ja Jugend, das ists, was ich vermisse. Wir sitzen beieinander wie die Greise, steigen herum wie die Greise, fechten steif wie die Greise, und —“
Er stockte, da Riesa sich mit einer aufhorchenden Bewegung zur Tür umwandte. „Hat es geklopft?“
Gleich darauf pochte es wieder. Georg rief: „Herein!“ In der Tür erschien das Hausmädchen mit einem Brief. Ein Bote habe ihn gebracht. Sie verschwand wieder. Georg, eine fremde Frauenhand auf dem mattvioletten Umschlag erkennend, trat mit fragendem „Du erlaubst?“ zum Schreibtisch und ließ unbedacht die elektrische Lampe aufflammen, die zwei blendende Schwerter in seine Augen stieß. Es dauerte eine Weile, bis er auf dem Briefbogen die dünnen und runden Schriftzüge dämmern sah, endlich die Unterschrift: Ihre Cora. Aber er konnte sich nicht einmal recht freuen in seinem gereizten Zustand. Er entzifferte: