Aber was ist das, Georg? Sie kommen nicht? Ein Brief auf köstlichem Papier? Ein Unfall? Georg, an Unfälle glaube ich prinzipiell nicht! Der Mann meiner Freundin sagt, es würde wohl ein Duell gewesen sein. War es, Georg? (Sie erlauben doch, daß ich Georg schreibe, Durchlaucht finde ich gräßlich!) Etwa meinetwegen?!? Sich einer Frau wegen duellieren, fände ich schön, obschon es an sich abscheulich ist. Ich bin furchtbar in Sorge, Georg! Ich glaube, ich werde heut nachmittag, wenn mich mein Weg in die Nähe Ihrer Wohnung führen sollte, auf eine Minute bei Ihnen hineinsehn. Nur um mich zu überzeugen. Oder schickt es sich nicht? Ich habe keine Ahnung! Erwarten Sie mich jedenfalls nicht! Wenn ich es nur aushalte vor Unruhe! Georg, wissen Sie, daß ich sehr erschrocken bin? Hieraus bitte ich aber keine falschen Folgerungen zu ziehn! Also ich komme bestimmt nicht!!!
Es sei denn, die Tante, die ich besuchen muß, ist gar zu langweilig.
Ach Gott, da fällt mir ein, daß ich ja morgen abreise. Sehe ich Sie denn noch? 8 Uhr 30 geht der Zug. Für alle Fälle also gute Besserung und auf Wiedersehn in einer schöneren Welt! Sind Sie traurig?
Ihre
Cora
Georg hatte, als er gelesen, neben der Erregtheit der augenblicklichen Erwartung ein unbestimmtes Gefühl von Schmetterlingen oder Motten oder Raupen; vielleicht geflügelten Raupen. Immerhin — solch ein Wirrwarr es war, schien es doch entzückend in seiner Art. Eigentlich war nichts zu unterscheiden, jeder Satz meinte etwas Andres, als er sagte. Sicher kommt sie, dachte er triumphierend, erinnerte sich nun Riesas und wandte sich zu ihm, unschlüssig, was er sagen sollte. Zum Glück fiel ihm Bogner ein, von dem sich leicht eine Überleitung finden ließ, und er fragte, das Briefblatt in den Händen drehend:
„Sag mal ... was ich schon lange fragen wollte ... erinnerst du dich, einmal Bilder von einem Maler Bogner gesehen zu haben, Benvenuto?“
„Bogner? Ja, ich denke. In Berlin bei Cassirer, nicht wahr? Eine Landschaft?“
„Möglich. Er ist nämlich —“
„Ja, jetzt erinnere ich mich. Ein Blick in ein Flußtal, beim ersten Hinsehn ganz konventionell anscheinend, aber in Wirklichkeit war alles auf eine sehr besondre Weise vereinfacht, und die Farben hatten ihr Geheimnis. Es erinnerte mich an gewisse Zeichnungen von Kokoschka; es giebt da einen weiblichen Kopf — erinnerst du? — in den dicken Konturen nahezu akademisch anmutend —“
„Die aber in Wirklichkeit Schnüre aus hundert zitternd lebendigen Strichen waren, — oh natürlich, Kokoschka!“ fiel Georg ein. Und nun mußte er auf Riesa zutreten und in bittendem Tone sagen: