„Nun hör einmal, Lieber, findest du es nicht auch schöner, von Kokoschka und dergleichen zu sprechen, anstatt ...“ Er versuchte, dem vor ihm Stehenden eine Hand auf die Schulter zu legen und sie zu streicheln, der aber tat, als ob Georg nach ihm schlagen wollte, duckte sich lächelnd und abwehrend und rief, während Georg nun tätlicher auf ihn eindrang: „Jedes zu seiner Zeit! Schaff dir eine Kreuzotter an, Georg!“

„Es giebt ja keinen Zoologischen hier!“ lachte Georg, Riesa gegen die Tür pressend, allein jetzt kam ihm über der Vorstellung einer Kobra Cora wieder ins Gedächtnis, und er sagte, von dem Andern ablassend:

„Die Sache ist nämlich die: ich kenne diesen Bogner, von früher her, ja, und nun habe ich vor ein paar Wochen eine Schwägerin von ihm kennen gelernt, durch Zufall. Sie ist hier zu Besuch, und sie schreibt mir eben, es wäre nicht unmöglich, daß sie heut nachmittag ...“

Riesa lächelte mit schiefem Mund. „Im Augenblick bin ich verschwunden.“ Er griff nach der Türklinke. „Auf Wiedersehn, Durchlaucht! Vergiß nicht, weshalb ich kam!“ Schon auf dem Flur und beim Mantelanziehn sprach er weiter von Pflichtbewußtsein, und was Irrtümer betreffe, die Georg angedeutet habe, so sei das seine Sache. Mißlaunen an seiner Umgebung auszulassen, sei entschieden inferior ...

Dann fiel die Flurtür hinter ihm ins Schloß, Georg ging, frierend vom Kältehauch des Treppenhauses, in sein Zimmer zurück, raffte Coras Brief wieder an sich, allein das Licht schmerzte empfindlich, er glaubte, nun wirklich zu fiebern, löschte die Lampe und streckte sich auf den Diwan.

Bald erschien ihm Coras Gesicht, das flattrige, braune, rötliche Haar, die mattblauen Augen unter dem sonderbaren Gürtel brauner Sommersprossen, der blasse Mund mit zu dicken Lippen ... Wie mag ihr Mann wohl sein? Eigentlich war es doch peinlich — gerade Bogner gegenüber. Peinlich? Es war doch nichts geschehn! Aber sie war wohl kaum ganz echt. Freilich: für ihren Mann war sies doch. Sie kam! — Sein Herz pochte wieder mit Nachdruck. Er wartete. Er wußte die Zeit nicht, wollte sie auch nicht wissen, um das Warten nicht durch Berechnungen peinlicher zu machen. Und dann taumelte ein Mänadenschwarm von Vorstellungen durch sein Gehirn. Er hörte ihr Klopfen an seiner Zimmertür, sie war da, er öffnete, er sah deutlich ihren Schattenriß, den großen, schwarzen Hut ... allein auf diesem Punkt erlosch alle Vision: er konnte keine Vorstellung für ihre Haltung finden in diesem Augenblick, für ihr Wesen, ihr schillerndes Wesen. Auf der Suche nach einer leibhaften Erscheinung von ihr, kam alsbald der Saal in der Schackgalerie hervor, das große Tizianbild in der Lenbachschen Kopie, davor — ihm selber den Rücken zuwendend — jene, noch ganz fremde, sehr schmale Gestalt, im übergroßen, flachen Hut, eine Pelzjacke überm Arm, in grauem Kleidrock und violetter Seidenbluse mit leicht angerissener Rückenschnalle. Und die hellweiche, unsichre Stimme fragte ein unscheinbares Weibwesen neben ihr mit etwas klagendem Tonfall und prätenziös: „Tizian? Aber das ist doch ganz Lenbachs Technik!“ wobei sie plötzlich das Gesicht zu Georg herumwandte, ihn voll anblickend aus blassen Augen. Und er — mit ihm selber unbegreiflicher Gefaßtheit — fing gleich an zu erklären: Eine Kopie ... es seien lauter Kopien ...

Die Stuckornamente an der Decke über Georg, vom Laternenschein hell beleuchtet und schattenwerfend, verschwammen langsam. Er vernahm die tiefe Regungslosigkeit der sonntäglichen Stille im Haus. Die Glocken waren verstummt. Sie kam noch immer nicht ...

Das andre

Georg fuhr mit einem Schreck in die Höhe, am Erwachen merkend, daß er geschlafen hatte. Er lauschte wild. Sein Herz sprang und jagte. Alles war still. Nach wie vor teilte das einfallende Laternenlicht den Raum in zwei schiefe Hälften von Glanz und Düsternis. Hatte es geklopft? geklingelt? Wie lange hatte er geschlafen? — Totenstille. — Nein, die Glocken! Kaum hörbar fern bewegte sich wieder das wogende Durcheinander von Tönen, jetzt vergehend unter dem wütenden Sausen seines beim Hochfahren in den Kopf geschossenen Blutes, dessen folterndes Brodeln ihm nun eine fast unerträgliche Gier erregte, die heiße Bindenlast abzureißen, und schon spürte er im Loszerren und -wickeln, wie es leichter wurde, kühler, ganz kühl ... dann wieder die Glut, denn er saß unbeweglich, die Hände an den Schläfen, die Brust übervoll von namenlosen Befürchtungen. War sie nicht gekommen? Und kam sie noch — was konnte es für Wert haben, bei diesem, seinem Zustand? Er war zum Unglück geboren. Er tat Falsches; dann kam das Rechte zur falschen Zeit.

Endlich zog er die Uhr aus der Weste und mußte, das Zifferblatt ins Licht haltend, erkennen, daß es bereits halb sieben war. Sie war ausgeblieben.