Elend im Herzen stand Georg auf und schlich zum Fenster. Vor der Laterne unten, jenseits des Fahrdamms, der glänzend schwarz war, wehte ein feiner, glitzernder Schleier von nassem Schnee herunter. Über ihre grünliche Helle hinweg sah er die bläuliche Schneedecke am Boden des Parks unter dem schwarzen Netz von Astgewirr, eine weiße Wiesenfläche in der Ferne, darüber die Wand des Himmels, ganz violett. Lange, gedankenlos, starrte er hin, und sein ganzes Innres füllte sich, sog sich voll derweil mit einer Trostlosigkeit ungeheuer.

Ihm schien alles unentrinnbar geworden. Die tiefe Öde seines Korpslebens hielt ihn gepackt wie ein Polyp mit hundert weichen, geisterhaften Armen; er wußte nicht, wie entkommen, wußte nicht, wie es ertragen nur bis ans Ende des Semesters. Und dabei, dachte er hochfahrend, wenn sie wüßten, wen sie vor sich haben! Ah, wenn ich Herzog bin, werde ich dafür sorgen, daß dieser Stumpfsinn ein Ende nimmt! Wenn sies nur schon wüßten! Dann würden sie brav ihren Kotau machen und — aber was hilft mir das! — Er fühlte sich wieder umzingelt, und die Zeit stand still. Cora — das war doch eine Oase gewesen; so anfänglich, wie es war, so reich an Möglichkeiten, an Phantasie, an Gefahren! Morgen reiste sie ab. Morgen, dachte Georg, kann ich schlafen, solange ich will, da ich nicht zum Fechtboden zu gehn brauche, — das ist ein Trost!

Da gedachte er Annas. Er gewahrte mit einer kleinen Drehung des Kopfes zur Rechten ihre Photographie im Dunkel auf dem Schreibtisch; die Fläche glänzte gläsern, die Züge blieben unsichtbar. Ja, unsichtbar, denn dies war aus. Sie wollte es ja! Traurig immerhin, daß er sie so schnell vergessen hatte. Nein, nein, es war klar: das war in Wahrheit keine Liebe gewesen, und so hatte sie mit ihrer Forderung an ihn unbewußt das Rechte getroffen. Wenn nur das Telegramm zu Weihnachten nicht wieder Hoffnungen in ihr erregt hatte ... Aber was war zu machen?

Plötzlich wehte es ihn von dem Bilde her an, Rührung, Zärtlichkeit, ein mattes Verlangen, und die Vereinsamung. Er ging hin, beugte sich über den Tisch, suchte nach ihren Zügen, und als er die lieblichen dämmern sah, schienen freundliche Erinnerungen leise zu erwachen. Er seufzte, griff in die Tasche nach seinem Schlüsselbund, schloß die Mittellade des Schreibtisches auf, zog sie vor, und da lag gleich Annas Brief, der Scheidebrief, auf den er, übergebeugt mit aufgestützten Händen, hinabstarrte, minutenlang ohne Gedanken.

Das Schrillen der Flurglocke sauste so gefährlich durch ihn hin, daß er nahezu schlotterte. Da! da! das war sie! Er warf die Lade zu, sie wollte nicht schließen, seine Hand zitterte, er warf das hinderliche Schlüsselbund links herum und rechts, riß endlich den Schlüssel heraus und stand und horchte derweil wie ein Einbrecher nach draußen, wo es jedoch so still blieb wie zuvor. War er allein in der Wohnung? Mußte er selber ...? Ah ja, und wenn er hinging und öffnete, so stand da ein Dienstmädchen oder dergleichen, so wie bei Pragers an totenhaften Sonntagnachmittagen, und fragte schüchtern nach Fräulein Lina.

Nein, nun mußte er doch gehn. Und angehaltenen Atems, im Wirrwarr von Zuversicht und Erwartung des Enttäuschtwerdens, schritt er zur Tür, über den Flur zum Glastor und öffnete. Da stand sie.

„Also doch noch!“ sagte er, unendlich befreit.

Sie stand, zurückgewichen bis ans Treppengeländer, die Unterarme in einer großen, grauen Feemuff, die, wie ihre Jacke aus gleichem Pelz, verklebte nasse Haare hatte, das blasse Gesicht, halb im Schatten der breit geschweiften Hutkrempen, aufgehoben mit unbestimmtem Ausdruck, und auch an Nase und Kinn glitzerte es leise von Tropfen.

„Prinz, wie sehen Sie aus!“ sagte sie endlich schwach.

„Ich! seh ich aus?“ Er faßte sich an den Kopf. „Ach, das macht nichts! Bitte, kommen Sie doch herein!“