Aber sie beharrte in ihrer Haltung. „Sie sind ja ein furchtbarer Mensch! Also wirklich so ein gräßliches Duell! Wie kann man nur! — Soll ich wirklich hereinkommen?“ fragte sie dann, seine ausgestreckte Hand erfassend, und ließ sich hineinziehn, wobei sie so dicht aneinander gerieten, daß er seine Hand in ihren Arm schob. Sie sagte halblaut: „Ich fürchte mich aber!“ So führte er sie den Gang hinunter.

Als er die Tür zu seinem Zimmer öffnete, rief sie laut: „Oh Gott, wie riecht es hier! Sind Sie das, Prinz? Jodoform oder so. Ach, entschuldigen Sie nur, das durft ich wohl nicht sagen? Hab ich nun Ihre Ehre gekränkt? Dann müssen wir uns auch duellieren.“

Georg befand sich in einem Wortschwall. „Nein,“ sagte sie, als er nach ihrem Muff griff, „ich will nicht ablegen, auf keinen Fall, Durchlaucht! Den Muff, o ja, den können Sie haben. Gott, wie entzückend Sie wohnen! Da haben Sie ja den ganzen Park vor dem Fenster! Lieben Sie den Englischen Garten auch so? Überhaupt München! Oh, ich liebe München! Eine himmlische Stadt! Kennen Sie Magdeburg? Magdeburg ist der Tod. Nein, daß ich nun wirklich hier bin! Prinz, das dürfen Sie mir nie vergessen! Werden Sie? Schwören Sie es! Ich hätte wirklich nicht gedacht, daß ich kommen würde! Auf der Treppe bin ich dreimal umgekehrt. Glauben Sies nicht? Nein, wie entzückend Sie eingerichtet sind! — Kein Licht!“ antwortete sie auf Georgs Frage, „dann muß ich mich zu sehr schämen.“ Sie lachte. Vor ihn tretend, fragte sie dann sehr besorgt, wie es ihm eigentlich gehe. „Ach, Sie haben sicher Schmerzen, und ich rede in einem fort. Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung. Nun bin ich gleich still, Sie legen sich schön auf den Diwan, und ich setze mich zu Ihnen. Aber nicht dicht!“ Sie lachte wieder, Georg ließ sich zum Diwan drängen, setzte sich auch, stand aber gleich auf, da sie an ihrer Jacke knöpfte, half ihr sie öffnen und ausziehn und hängte sie über einen Stuhl. Unterweil redete sie fort:

„Sie wissen doch, daß ich morgen reise? Sonst wäre ich ja auch nicht gekommen. Bestimmt reise ich, Georg.“ Sie drehte den Armstuhl vorm Schreibtisch herum, nicht ohne einen Blick auf Annas Bild, und setzte sich, während Georg sich halbliegend über den Diwan streckte. „Meine Tante war entsetzlich eben. Kanarienvogel, Sofaschoner, sittliche Entrüstung, es war alles da. Georg, Sie sagen ja gar nichts! Nun sagen Sie bloß, warum fechten Sie eigentlich? Es ist doch so unzeitgemäß! Sport ist viel gesünder. Im Sommer besuchen Sie mich einmal, und wir rudern zusammen. Ich rudre leidenschaftlich. Sie?“

Georg versicherte, gleichfalls mit Leidenschaft zu rudern, worauf sie erklärte, sie käme um vor Durst. — Ob sie einen Likör trinken möge?

„Likör? Aber Durchlaucht! Was haben Sie denn für welchen? Ich trinke nur süßen. Oh ich liebe Likör! Finden Sie das gräßlich? Ja, ich bin ein lasterhaftes Weib ...“

Ihre Stimme flatterte im Raum umher so unsicher wie eine Fledermaus, eine blaßgelbe Fledermaus, dachte Georg, indem er eine Flasche Sherry Brandy und zwei Gläser aus dem Schrank holte, die er füllte. Sie stießen mit dem kleinen Finger an, Georg konnte nichts trinken und stellte sein Glas wieder hin, während sie das ihre in kleinen Schlucken leertrank.

Dann, nachdem er einiges gesagt hatte, von seiner Freude über ihr Kommen, seiner Einsamkeit und einem unangenehmen Besuch, den er gehabt habe, saß sie still da, nachdenklich, wie es schien, und Georg geriet wieder in die Erinnerung an Riesas steifes Geschwätz und seine eigene unterbrochene Anklagerede. Ohne sein Zutun ballte die sich wieder in ihm zusammen; jetzt konnte er sie zu Ende bringen und sich erleichtern.

„Sie wundern sich über mein Fechten,“ fing er an, „aber das ist noch das Netteste vom Ganzen. Ach, darüber sprachen wir ja schon! Heut kommt einer, ganz steif, im Auftrage des Korps: Ja! — und: kurz und gut: mein Benehmen ist ihnen aufgefallen, und er warnte mich. Er war steif wie von Pappe, bloß mit einer Vorderansicht bemalt. Hier ist einer immer steifer als der Andre. Das ist die studentische Jugend! Achtzehnhundertdreizehn, da hätte man leben sollen! Da war Jugend noch Feuergeist. Ja, wenn man noch unbändig wäre, Bande sprengte, die des Ich und somit die bürgerlichen; über die Stränge schlüge und etwas übte, das — das Wirkung hätte, das — wenn auch nur Erstaunen und Entsetzen meinetwegen von irgendwem hervorriefe! Daß doch wenigstens der Bürger das stumpfe Bewußtsein hätte von einer andern, einer leichtern, freiern, kühnern, jüngern Welt!“ Wie schön sie dasaß und lauschte! Georg fühlte sich fast schmerzlos im Weiterreden. Ihm kamen bunte Einfälle. „Wenn man — also meinetwegen auf lauter Schimmeln in roten Badehosen hellmittäglich durch die Stadt ritte und am Stachus Gaudeamus sänge. Wenn man Serenaden brächte, eine vergötterte Sängerin unter Bergen von Sträußen begrübe ... Was meinen Sie? Wenn man zum Beispiel alle Hebammen der Stadt mitternachts zum Zentralfriedhof bestellte, um die Toten des Todes zu entbinden.“ Georg mußte auflachen über eine neue Vorstellung, die er vor Lachen kaum über die Lippen brachte: seine sämtlichen Korpsbrüder, die mit umflorten Zylindern und Kerzen in den Händen einem Sarge folgten, in dem ein toter Hund lag, und den sie unter Musik feierlich begrüben, bloß um aufs Grab schreiben zu können, daß hier ‚der‘ Hund begraben läge.

„Entzückend, Georg,“ sagte sie nun, „aber warum tun Sies nicht? Machen Sie den Anführer!“