Georg warf sich herum und stand auf, nicht ohne Verwirrung. „Ja,“ sagte er, „da stehe ich und denke mir was, aber ich führe es ja auch nicht aus. Ja, und glauben Sie vielleicht, ich würde Gefolgschaft haben? Erstens bin ich ein krummer Fux, der den Mund zu halten hat, und zweitens ... Ich sagte es ja schon: vor hundert Jahren gab es dergleichen vielleicht. Aus Übermaß der Gefühle, aus Jugend, nur aus Jugend, könnte dergleichen ja doch nur losbrechen, aber wo giebts die heutzutage? Sie müssen sich ja voll Bier schütten bis zum Hals, um nur munter zu werden, und was herauskommt, ist bloß Radau oder — wieder Bier.“
Cora hob die Achseln. „Gott, Georg,“ sagte sie spitz und verzichtend, „Sie brauchen sich doch eigentlich nicht zu beklagen. Sie sind doch frei! Sie sind ein Mann. Aber sehen Sie mich an! Ich bin gebunden. Ach, und die bürgerliche Atmosphäre, in der ich sitze — — Georg, glauben Sie mir, ich kann nächtelang liegen und weinen vor lauter Verzweiflung. Die Ehe ist — ich will Ihnen sagen, was sie ist! Ein Verbrechen gegen das keimende Leben. Man ermordet sich gegenseitig, auch wenn mans noch so gut machen will. Mein Mann ist sehr gut, Georg! Aber was hilft das? Die beständige Reibung. Und ich bin so ganz unbürgerlich. Ich bin zu amüsant. Mein jüdisches Blut, wissen Sie! Mein Großvater war Jude, ein Prachtmensch, oh ich liebe ihn, unbeschreiblich! Daher das Kritische an mir. Immer Widerspruch, — das ist doch das einzig Gute am Judentum: der Sauerteig der Nationen. Ich hätte Schauspielerin werden sollen. Als Kind wollte ich immer. Auch später noch. Ich habe sogar Unterricht gehabt, aber dann verliebte sich mein Lehrer in mich, und es nahm ein Ende mit Schrecken.“ Sie lachte, seufzte dann schmerzlich.
„Aber Sie konnten doch einen andern Lehrer nehmen?“ meinte Georg widersprechen zu müssen, brennend erregt von ihren Aufschlüssen.
„Gott, Sie wissen doch, Georg,“ erwiderte sie matt, „ich heiratete eben.“
„Ja, aber weshalb denn?“
„Weshalb? Einmal muß man doch. Und Herbert wollte es ja durchaus. Er war so rührend! Sie machen sich keine Vorstellung, wie rührend er war! Da giebt man denn schließlich nach. Übrigens müßten Sie mich einmal deklamieren hören und Ihr Urteil sagen, ganz ehrlich! Kennen Sie Werfel? Oh wie ich den liebe! Er ist so ausschweifend. Kennen Sie das:
Wenn abends Heimkehr endlos durch die Gassen geht,
Erhebt ihr euch von eurem täglichen Gerät ...
‚Lesbierinnen‘ heißt es.“