„Doch ist auf jeder Lippe Tod und Rache da,
(Ha, der verruchten Küsse angeklagte Kette!)
Schlaft ein,
Schlaft ein in eurem Bette!
Dem tausendfachen Geist der Liebe seid ihr nah.“
Als sie dann schwieg, hielt er Schweigen für den zartesten Ausdruck der Bewunderung und bemerkte erst nach einer Weile achtungsvoll, das Gedicht fände er eigentlich weniger schön als ...
„Pervers, nicht wahr?“ sagte sie flott, „aber schön!“ und kam langsam durch das Zimmer zu ihm, Bangnis seltsam aushauchend mit einmal. Trotzdem wagte er es, ihre Hände zu fassen. Hatte er daran gezogen? Sie war plötzlich auf seine Knie nieder geglitten und wäre gefallen, wenn er nicht den Arm um ihren Rücken gelegt hätte.
„Georg, was tun wir?“ sagte sie heftig atmend. „Nein, ich bin Ihnen ja viel zu schwer!“ lachte sie dann. — Sie war wirklich schwer.
Plötzlich — — was war denn nun das gewesen? Eine heiße, feuchte Berührung an seinem Ohr, und sie war aufgesprungen. Hatte sie wirklich die Zunge in sein Ohr ...? Er wollte auf und ihr nach, doch durchschnitt in diesem Augenblick der grelle Schein der aufflammenden Schreibtischlampe seine Augen, und geblendet sah er ihren Schattenriß, über die Lampe gebeugt, neben die sie Annas Bild hielt. Dann hörte er ihre Stimme:
„Prinz, wer ist das? Welch ein entzückendes Gesicht! Wie zart ist es! Lieben Sie sie? Ich weiß, daß Sie sie lieben! Erzählen Sie mir von ihr!“