Sie stellte das Bild wieder hin und ging an das Fenster. Was mochte sich nun in ihr bewegen? fragte sich Georg, noch schweigend und nach Worten suchend. War sie eifersüchtig? — Mit leiser Stimme brachte er vor, er habe dies Mädchen wohl geliebt, aber es sei längst aus, sie habe es nicht gewollt, — und mehr dergleichen, was ihm selber plump und trivial vorkam. Sich schämend, senkte er den Kopf und schloß die Augen, mußte aber nun denken, daß, wenn sie ihn so sitzen sah, er ihr von Erinnerung übermannt scheinen mußte, und daß dies ihm nicht eben zuwider war. Gleich darauf hörte er das Rauschen ihres Kleides, sah auf und sah sie verschwommen in der Dunkelheit über sich, und der Hutschatten verdeckte das ganze Fenster mit der Laternenhelle. Wieder nahm er ihre Hände. Sie beugte sich herab und küßte schonend seine Stirn oder vielmehr den Verband darüber, und dann saß sie, weich hingeschmolzen, auf seinem Schenkel, er küßte ihre Wange einmal und noch einmal, suchte ihren Mund, erreichte ihn, aber kaum daß er ihre Lippen gefühlt hatte, ganz kalt und fleischig, war sie aufgesprungen und von ihm fort. Ohne ein Wort zu sagen, nahm sie ihre Jacke und zog sie an, ging durch den Raum zu dem Sessel, auf dem ihre Muffe lag, nahm sie an sich, kam wieder bis zu ihm, der aufgestanden war, hielt ihm die Hand hin und sagte: „Adieu!“
Er fand nichts als ein kümmerliches: „Wollen Sie wirklich gehn?“
„Wie spät ists denn?“ fragte sie in gleichgültigem Ton. Er sah auf die Uhr, fand, daß es drei Minuten vor acht war, log aber, es sei dreiviertel.
„Um Gottes willen, dann ists aber allerhöchste Zeit!“ Sie lief fort von ihm zur Tür. Als er sie eingeholt hatte, öffnete sie, schritt dann mit gemachter Gelassenheit den Gang hinunter und wandte sich vor der Glastür mit der Bemerkung: „Schöne Bilder!“ indem sie sich nach den Wänden umsah. Ihm wieder die Hand hinstreckend, die andre auf der Türklinke, lächelte sie, in den zusammengezogenen Augen einen Hauch von — wars Ironie, Verachtung? — Es reizte jedenfalls Georg dermaßen, daß er sie umschlang, sie an sich drückte und heftig auf den Mund küßte. Lange Sekunden hielt sie hingegeben still, riß sich dann los, riß die Tür auf, war hindurch und hatte sie hinter sich ins Schloß geworfen.
Dastehend, die Glastür vor Augen, merkte Georg nach einer Weile, daß er schmunzelte, worauf er augenblicks ernst wurde, zumal ihm einfiel, daß sie am nächsten Morgen abgereist sein würde. Alsbald fror er in der Kühle des Flurs und ging in sein Zimmer zurück.
Das ist das Leben! dachte er zähneklappernd im Auf- und Niedergehn. Morgen ist sie fort, und ich habe es gerade bis zum Anfang gebracht. Wenn sie nicht wirklich nach Hause gemußt hätte, fragte er sich frivol, ob es dann bei der Jacke geblieben wäre? Da fühlte er wieder die Berührung ihrer Lippen, die so fremd gewesen war. Fremde Menschen, dachte er, was soll das alles? An Riesa fiel mir auch die Fremdheit auf. Oh Gott, mein Kopf, das ist ja, um in die Luft zu gehn! — Fremde Menschen, murmelte er betäubt, fremde Menschen ... Sie freilich hatte er geküßt, aber dadurch war sie ihm nicht bekannter geworden. — Nein, erklärte er sich fest, dies ist das Leben nicht, das du zu führen gedachtest. — Es war ja alles falsch und sinnlos. Das Korps war verkehrt, auch Riesa verkehrt, und Cora? Cora ...
Wenn ich einmal Herzog bin ... ging es durch das Zacken in seinem Gehirn; und dann: ob Papa — in seiner Jugend — auch solche Dinge ...
Frierend, fiebernd, ganz erschöpft, stand er vornüber und kam sich unecht vor an Leib und an Seele.