Wie, die liebreich war, die liebe Hand.
Georg an Benno
München, den 15. März
Mein lieber Benno:
Nein, nicht zum Freundesbusen, wie so trefflich die Alten sagten, ein tränenreiches Herz darein zu ergießen, komme ich, obwohl es mir beim Hunde elendiglicher geht als je. Davon sei nicht die Rede, das Elend meiner Seele bad ich schon noch alleine aus. Aber dies, dies eine kann ich nicht ertragen, daß ich in Wochen und Wochen nicht ein Mal ein vernünftiges Männerwort über des Nachdenkens werte Dinge über die Lippen bringen soll. Die Gedanken haben sie mir denn doch nicht unter Alkohol und Stumpfsinn setzen können, schwimmen wie die Korken obenauf vielmehr und sind — munter? nein, das nun eigentlich nicht, aber wir werden ja sehn. Zwar verdiene ich es nicht, daß ich wieder zu Dir komme (still, Benno, ich weiß schon! bei meiner Seele, mache mich heute nicht unwirsch!), aber nun liegt die Sache einmal so, daß es sich um Dinge handelt, über die ich mit dem ältesten und lange Zeit einzigen Freunde meines Lebens, meinem Vater nämlich, nicht reden kann; also tu mir die Liebe, Freund, und höre ein wenig zu!
Nun eben, wie ich zu schreiben beginnen will, fällt mir aus dem übrigen Zusammenhang eine neue Frage heraus, nämlich: Was hältst Du von geschlechtlicher Aufklärung? Sieh mich nicht so mißtrauisch an, ich frage im Ernst! Ist es nicht die große Frage jetzt? — Gut, versuchen wir, sie zu beantworten.
Nach meinen persönlichen Erfahrungen wird dabei ständig eben derjenige Haken, an dem die ganze Sache eigentlich hängt, außer acht gelassen und so die ganze Sache verdreht. Eltern, heißt es, können und sollen ihre Kinder, um trübe und gefahrenvolle Irrgänge, Abstürze womöglich ihrer Seelen zu verhüten, aufklären — worüber? Über die Geheimnisse von Geburt, Fortpflanzung, Zeugung. Wirklich, handelt es sich darum? Keineswegs, sondern dieses ist nur der Punkt, an dem die kindliche Unwissenheit einzusetzen pflegt, indem sie — die von Zeugung nicht die geringste Ahnung hat — sich fragen muß, wo die Kinder herkommen. Um was es sich aber, was die Gefahren usw. anlangt, in realibus ganz allein handelt, das ist etwas völlig andres, nämlich der Zeugungsvorgang allein, der Liebesakt. Woher die Kinder kommen, wer sie gebiert, das kann — und soll auch — jedem Kinde frühzeitig klargemacht werden, aber in Unkenntnis auf diesem Gebiet — was läge da für ein Unheil verborgen? Wie aber und von wem die Kinder gemacht werden, das ist das eigentliche Geheimnis, und dies — meines Willens! — kann und soll ihnen von keinem Vater und keiner Mutter gelüftet werden, denn Enthüllungen, Selbstentblößungen würde das bedeuten, die kein Vater vor seinem Sohne vorzunehmen imstande ist; und es würde — allgemein menschlich — eine Schamlosigkeit bedeuten, die allen uralten Erfahrungen widerspricht und auf das heftigste meinem Privatgefühl. Dies sage ich, mit dem sein Vater von früh auf alles verhandelte, alles — bis auf dies eine. Keine Gefahr aber kann so arg, so vernichtend sein, die ich nicht einer solchen Entartung der natürlichsten Anstandsgefühle vorzöge.
Also wäre in dieser Angelegenheit überhaupt nichts zu tun? Nicht eigentlich. Besteht hier eine Gefahr, so ist sie geheiligt durch Alter und so wenig zu beseitigen wie der Schmerz des Gebärens. Eins freilich kann geschehn: Vorbereitung; und an dieser Stelle treffen wir wieder in den Kern der Sache.
Denn — diese Frage erhebt sich nun: woher stammt sie denn, ursächlich, diese Gefahr? Fragen wir zunächst, wie sie sich zeigt. Darin, daß, wie gemeinhin gesagt wird, dem Knaben oder Jüngling von Altersgenossen die Sache auf schmutzige und gemeine Art klargemacht wird, daß ihn vor dem Schmutz und der Gemeinheit der Sache ein Entsetzen packt. Hier also sitzt es. Sind denn etwa diese Dinge gemein und schmutzig? Ja, sagt der Eine; der Andre: Nein! sie sind vielmehr die reinsten und erlesensten. Und dabei wollen wir bleiben. Wir halten uns nun nicht erst bei der Herkunft dieses Gedankens von der Gemeinheit auf — ich beargwöhne das Christentum —, sondern schließen kurz ab: Hier ist der Haken, der Übelstand und die Lasterhaftigkeit. Hier muß und kann Änderung geschaffen werden, allerdings nur durch Generationen der Selbsterziehung von Erwachsenen einerseits, andrerseits durch das, was ich erwähnte: Vorbereitung, die wiederum bei den Vorgängen der Geburt und ihrer Erklärung einzusetzen hat. Wenn nämlich diese schon und die Mittlerin vor allem, die Mutter, dem Kinde als etwas Reines, Heiliges, als das schmerzvolle Wunder, das es ist, hingestellt würden — sollte da nicht von ihnen auch ein Glanz auf das Andere fallen, wieder rein werden, was rein war? Und wo bliebe dann Erschrecken und Gefahr?
Und nun endlich diese beiden Dinge selbst. Sind sie so ausgemacht, so unbedingt? Ja, da kenne ich nur meine eigenen Erfahrungen, und wenn ich da sagen muß, daß ich zwar Nöte, Ängste und Gefahren in diesem Zusammenhange genug durchgemacht habe, aber keine in eben diesem, unserm Betracht, so war ich vielleicht allerdings absonderlich veranlagt. Ich war — sprachen wir nie davon? — ein schlechthin stumpfsinniges Kind, bis tief in die Jünglingsanfänge hinein, und ich weiß heute noch nicht zu sagen, wann mein Gehirn aus jener Denkträgheit, die nie nach etwas fragte, alles hinnahm und sich einverleibte, ohne es nur anzusehn, Weihnachtsmann wie Klapperstorch, und alles so lange benutzte und für gut hielt, bis irgendwie und irgendwoher etwas andres kam, — in meine jetzige Denkrastlosigkeit umgeschlagen ist, die nicht den winzigsten Vorgang unbeobachtet lassen kann und ohne womöglich eine Meilenkette von verknüpften Folgerungen daran zu hängen.