Eine halbe Stunde später
Als ich eben Ausruhens halber die Feder hinlegte und das Geschriebene überlas, sah ich, daß ich an Dinge geraten bin, die nicht im entferntesten in meiner Absicht lagen, aber das schadet ja nichts, im Gegenteil, denn wie ich nun weiter an diese seltsamen und ungeheuren Dinge denke, mich zu erinnern versuche und in meine Kindheit wieder einzudringen, an die ich — infolge jener Stumpfheit vermutlich — keine einzige, deutliche Einzelerinnerung habe — es sei denn an Örtliches —, sondern nur die süßdumpfe, unbestimmte einer unendlichen Zeit der vollkommenen und durch nichts unterbrochenen Seligkeit —, da, gerade noch, wie ich dies denke, leuchtet eine farbige Insel auf. Ich greife zu und — halte diese merkwürdigen Blüten und Strünke, die sich dann mit einigen Verstandesfäden der Auslegung und des Hinzudenkens zu einem seltsamen kleinen Strauß zusammenbinden ließen, und hier ist er.
Der Anfang ist ein wenig grob, doch läßt er sich nicht ersparen. — Da ists gegen Abend, schon ganz dunkel, ich bin — ein kleiner Knabe, übrigens in Helenenruh vermut ich — irgendwo herumgestrichen, und wie ich eben um irgendeine finstre Ecke von Haus oder Gebüschen will, höre ich die breite Stimme eines Knechtes — ich höre sie jetzt noch! — mit unterdrücktem Flehen der Inbrunst zu jemand sagen: Lat meck doch man oinmal vögeln! bloß oinmal! — (Ein Satz, der mir nie aus dem Gedächtnis kam, obwohl ich ihn erst Jahre später begriff.) — Ich erschrak, so wenig ich damals die Worte verstand.
Diese mir völlig unverständlichen Worte blieben in mir hängen, das heißt: bloß so, denn, wie schon gesagt, zerbrach ich mir über nichts den Kopf und fragte auch deshalb nicht. In jener Zeit aber muß es gewesen sein, daß mein Vater, aus eignem Antrieb, mich darüber aufklärte, wo die Kinder herkommen. Ich erfuhr, daß sie in der Mutter wachsen sollen, und erklärt wurden mir auch an Blumen, Bienen und Faltern die Vorgänge der Befruchtung. Sicherlich — das heißt, dies errate ich nur aus dem ganzen Zusammenhang — fragte ich mich damals, wenn auch nur unbewußt: Wer bringt den Samen zur Mutter, die doch so groß ist?
In jener Zeit ferner wohl zum ersten Mal träumte ich einen später wiederkehrenden Traum von einer großen Zahl bekannter und unbekannter Menschen in einem Garten, auf denen eine Menge bunter Vögel sitzen und herumfliegen. — Wie kam ich darauf? Daß ich unbewußt also doch nachgedacht habe, das ist klar, wie aber kam ich auf dieses? Folgendes fällt mir ein:
Oft hörte ich und liebte sehr, besonders abends im Schlafzimmer vor dem Einschlafen, den Gesang der schwarzen Amsel, der noch jetzt mein liebster Vogelgesang ist. Ich konnte den Vogel, der ja immer sehr hoch sitzt, niemals zu sehen bekommen, und da ich damals nun ein Märchen zu hören bekam, vom Paradiesvogel, den man wohl singen hören könnte, aber niemals sehn, so —
— ja, so haben wir nun den ganzen wunderlichen Zusammenhang von Knecht und Traum und der Einbildung, auf die ich mich wohl besinne, daß dieser Vogel es sei, der unsichtbare Paradiesvogel, der den Samen zur Mutter bringt. Und ich rate am Ende wohl nicht falsch, wenn ich glaube, daß mir damals auch gesagt wurde, daß nur Menschen, die sich lieb haben, Kinder bekommen können.
So also verhielt sich meine Vernunft, meine Phantasie. Wie es bei der wirklichen Aufklärung späterhin sich abspielte, das ist mir unbekannt; zu jener Zeit war die kindliche Phantasie allerdings schon verloren gegangen, und so wird wohl mein Verstand die Geschichte mit der gewohnten Bereitwilligkeit als natürlich hingenommen haben.
Schluß, Benno! aber es war eine Wohltat, ach, einfach eine Wollust war es, einmal wieder den Geist zu gebrauchen! Mit mir stehts elend. Mein einziger Freund, ein Literarhistoriker, hat längst den Doktor gemacht und ist fort. Die letzte Mensur kostete mich die bisher heil gebliebene Hälfte meines Schädels, die überdies so zugerichtet wurde mit Lappenschmissen und Knochensplittern, daß ich mich schon langsam darauf gefaßt mache, mit der Kompresse in die Ferien einzuziehn. Und was das schlimmste ist, die Schurken haben meine Abgeneigtheit gegen den Betrieb und mein Korpsverhältnis gemerkt, es gab schon Rügen, Drohung mit Aufhebung der Duldungen wie: meines Nichtmitsingens bei den Kneipabenden —, ach, Benno, Benno, weißt Du, daß ich in Lagen geraten bin!? In Lagen, die ich schlechterdings nicht geträumt hätte? Daß ich meines Standes als Fürstensohn wegen Rücksichten auf mich nehmen lasse? wer hätte das geahnt! Aber mir scheint, ich zerbrach einen Satz. Ja, also das schlimmste ist, daß man mich zur Strafe für meine Flucht nach Wien auf neuerdings vier Wochen hinausgehängt hat, jedoch — für die Ferien. Also bleibe ich über das Semester hinaus im Korps; die ersten Schwierigkeiten für meinen beschlossenen Austritt, — aber genug, zehntausendmal genug! Ostern komme ich! Auf Wiedersehn, Benno, auf Wiedersehn!
Georg