Nun, da haben wir es! Ich schließe, und nicht ein Wort von Deinem Brief! Ist schon solch ein Lump aus mir geworden? Glaubs nicht, Benno, er vergißt sich mitunter, aber meints doch ganz gut, und Du darfst schon glauben, wie seelenfroh, ja, wie glücklich Dein Brief ihn gemacht hat! Ja, diese Renate! Zwar ist mir Deine holde Übertreiblichkeit, zumal bei Weiblichkeit, ja bekannt, aber es stehen doch einige Dinge in Deiner Beschreibung, die absonderlich real anmuten, wie z. B. das Kleid und die Haartracht und vor allem die sinnende Haltung — die mich merkwürdig an eine Feuerbachsche Iphigenienstudie erinnerte — —. Nun, ich hoffe, Du hast inzwischen noch so viel des Wunderbaren dort im Hause erlebt, daß Dein nächster Brief Grimms Kinder- und Hausmärchen in mindestens zwei Bänden werden! In diesem Sinne — lebe wohl!
G.
Cora an Georg
Lieber Prinz!
Sie waren in jenem Brief nach Nietzscheschem Rezept mit Peitsche und Zuckerbrot zu mir gekommen; ich gehöre nicht zu den Frauen, die darauf reagieren. Ich reagiere überhaupt nur auf Anbetung, daß Sie’s wissen. Also im Ernst, Sie haben mich geschlagen, getreten, mit Hohn und Spott überschüttet, und um Ihnen das zu sagen, schreib ich heut, ohne einen neuen Brief von Ihnen abzuwarten, und nicht etwa deshalb, weil ich nicht warten könnte, mein lieber Junge! Und warum haben Sie mich so mißhandelt? Mein Brief war wohl nicht sehr gemütvoll, aber doch lieb und kokett und tändelnd, ein Andrer hätte mir Hände und Füße dafür geküßt. Bessern Sie sich bald, und um etwas nachzuhelfen, will ich diesen Brief fortsetzen, obwohl Sie es nicht verdient haben!
Also lassen Sie sich erzählen, was in der vergangenen Woche alles war. Montag: Die blaue Maus (Stadttheater) durch Erregung befreienden Gelächters höchst wohltätig. Dienstag: Taufe des armen Rudolf, eines Neffen, arm, weil er getauft wurde, eines köstlichen Bengels übrigens von zehn Monaten, empfing stehend die heilige Taufe und versuchte, den Pastor energisch am Ärmel zurückzuhalten, was aber nicht gelang. Ja, konnte er nun nicht Jude bleiben? Ach so, pardon, Germane, Arier. Diese Ansicht sprach auch mein Schwiegervater aus — der war trotz eines Augenleidens von Altenrepen herübergekommen, um Pate zu stehn, ist das nicht nett von einem alten Herrn? Ach, die Alten sind viel besser und eifriger als ihr Jungen! Ich liebe meinen Schwiegerpapa unbeschreiblich. — Also in seiner Rede, in der er sich ungemein über die Pfaffen aufregte, schlug er an Stelle der Taufe eine feierliche Aufnahme in den Bund der Familie vor. Aber ich glaube, die Familie ist jetzt aus der Mode gekommen, seit man auch nicht mehr Kanapee sagt. Jetzt haben wir Chaiselonguen und Individuen und sind Staatsangehörige, und die polizeiliche Abstempelung genügt für alles.
Wir hatten dann noch eine angeregte Unterhaltung über Gott und die Welt, männliche und weibliche Schönheit, ihre Unterschiede, und welcher wohl der Preis zuzuerkennen sei (meine Kusine Mausi erteilte ihn der männlichen, von ihrem Standpunkt aus hat sie sicher recht. Ach, Sie kennen die Dame ja nicht! Seien Sie froh!). Insofern und indirekt wurde häufig von Ihnen gesprochen, als ich aus alter Gewohnheit beständig alle Herren mit Georg anredete. Sie sehen, wie intensiv Sie mir gewärtig sind. Im übrigen wurde die Unterhaltung sowohl durch Pfirsichbowle wie durch meine stets anderen Ansichten vorteilhaft beeinflußt.
Adieu!
Ihre
Cora
Bekomme ich die unsichtbaren, kriegen Sie einen schönen Tantenkuß ohne Liebe geschickt.