(An den Rändern geschrieben:)
Was macht meine liebe Locke? Hat sie ein Bändchen bekommen?
Eventuell auch einen mit Liebe, den keiner wissen soll.
Benno an Georg
Altenrepen, am 23. März
Mein lieber Georg!
Ach, welch ein Magier ist sie doch, ja welch ein unerhörter Magier muß sie sein, die kindliche Seele! Geht sie nicht mit ihren kleinen Schritten so unerschütterlich ihres Weges, ihn vor sich her mit Blumen bedeckend, als käme ein ganzer Hochzeitszug hinterdrein? Was Du mir schriebst, jenes Erlebnis mit dem unsichtbaren Paradiesvogel und dem herrlichen Traum — ich kann nicht sagen, wie mich das ergriff! Zum ersten Male wieder seit langer, langer Zeit wurde das verstaubte Saitenspiel in meiner Brust wieder angerührt und murrte süß und leise. Nun, es wird ja doch alles erstickt. Aber ich habe es jetzt ja unverhofft gut bekommen! Schon zweimal durfte ich wieder in der Güntherstraße sein, einen herrlichen Flügel spielen, das Fräulein bewundern, — ach, spotte Du nur, Du wirst noch Deinen Tag erleben! Ἔσσεται ἧμαρ! ... Und an einem köstlichen Vormittage — von jenen einer, die schon tief im Frühling sind, wo gelöste Lüfte wie trunken irrende Vögel in trägen und hingebenden Wellenflügen umherschweifen und ein tausendäugiger Himmel der Verheißung über die wolkigen Schneegebirge schaut — an solch einem hatte ich einen herrlichen Waldgang mit Deiner Freundin. Wie immer sprachen wir fast nur von Dir! Lieber Freund, was hast Du für ein Kleinod an ihr! So kindlich oft und dabei so klug, — und nun, wo sie ihre Klugheit auf einen lieben Menschen anwenden kann, ergeht ihrs wie allen edlen Frauen, und die Klugheit entfaltet sich, ihr selber unvermerkt, zum feinsten und zartesten Verstehn. Sie ist wohl sehr in Sorge Deinetwegen, wir sind es Beide, aber nun — es wäre ja noch schöner, zu jammern und den Kopf zu verlieren, zumal Du ja schon sagst, daß diese gräßlichen Dinge um Ostern ein Ende haben werden.
Gerne schriebe ich mehr, lieber Georg, aber Du mußt wissen — ich bin in einer großen Unruhe wegen meiner Mutter. Die jahrelang gleichgebliebene Krankheit hat unversehens eine Wendung zum Schlimmeren genommen, und je mehr wir uns in Sicherheit gewiegt haben, um so erschrockener stehen wir nun, obgleich ja noch nicht das Böseste befürchtet zu werden braucht. Aber ach, wie wandelt sich doch alles, sobald des Todes Name nur von weitem erklingt! wie wird alles unsicher gleich, alles dünn und durchlässig und fremd, jede Hantierung, jeder gewohnte Gegenstand, die allesamt Unruhe ausströmen, sich nicht mehr halten lassen wollen, man legt sie aus der Hand, als würden sie glühend darin, denn nun drängt auf einmal die Zeit, alte Versäumnisse stehen drohend auf, immer wieder fühlt man sich dorthin gezogen, wo das liebe Leidenshaupt die Kissen drückt, eine Handreichung nur zu tun, eine Frage nur, einen Blick, — um am Ende dann doch wieder am Fenster zu stehn in der wachsenden Angst, dies arme Antlitz noch ja zu sehen, recht zu sehen, ehe es sich verwandelt und sich jählings entzieht.
So lebe wohl, Georg! Ich freue mich unaussprechlich auf Dein Kommen und zähle die Tage! Von Herzen Dein
Benno