Magda an Renate
Berlin, am 28. März
Ach, Renate! Renate, ich wollte, wir wären nur erst wieder zu Hause! Papa ist ja zu sonderbar geworden! Weißt Du — ich mag es kaum schreiben —, aber weißt Du, daß er trinkt! Er trinkt den ganzen Tag, offen, und, was noch schlimmer ist, heimlich, Liköre und die schwersten Weine. Und diese ganze plötzliche Reise überhaupt! mitten aus der Frühjahrsbestellung, und wozu? Zu Besprechungen mit Leuten, die ich nicht zu sehen bekomme ... Zu mir ist er ja so gut und lieb wie immer, ja wenn das möglich ist, eher noch mehr, aber — ach, ich will lieber stille sein! Jeden Abend gehts ins Theater — da werde ich zu erzählen haben! — es ist wundervoll, und in dieser Beziehung ist er ja wieder rührend in seiner Geduld, bei den längsten und ernstesten Stücken meinetwegen auszuhalten. Wenn Du sehr lieb sein willst, schreibe doch noch hierher, wir bleiben noch einige Tage, Papa meint, ich müßte alles sehn, was Berlin zu bieten hätte. Es ist ja eine reißende Stadt, wie lauter Stromschnellen — ach, ich kann nicht schreiben, vergieb, hoffentlich sind all meine Ängste nur dummes Zeug! In Liebe tausend innige Grüße von Deiner
Magda
Renate an Magda
Am 30. März
Mein liebes Herz!
Aber das war ein böser Schrecken, den ich da bekommen hab! Nach Deiner Abreise war es wunderlich still im Hause geworden, ich wartete gespannt auf den heitersten, lebensvollsten Brief, freute mich endlich des Anblicks Deiner Handschrift — — und nun dieser Inhalt! Kaum hat man sich ein bißchen in Sicherheit gewähnt nach den wochenlangen Ängsten um mein armes Kind, — da fängt alles wieder an zu zittern. So kann ich nur innig hoffen, daß es in Wirklichkeit die alten Besorgnisse sind, die in dieser neuen noch einmal mitschwingen und sie ungebührlich verstärken! Ich weiß ja nicht einmal, was ich aus dem, was Du schreibst, machen soll, — es klingt so unbestimmt — und grad darum wohl so gespenstisch. An dem einen Abend bei uns war Deinem Vater ja eigentlich nichts anzumerken; sein Gesicht schien mir etwas geschwollen, doch weiß ich ja nicht, wie es früher ausgesehen hat, da Du in Genf nur dies fabelhaft prächtige Jugendbildnis von ihm hattest.
Von mir ist nichts zu berichten, was Wert hätte, so sehr ich wünschte, es gäbe etwas, das Dich ein wenig auf andre Gedanken brächte.
Doch — — nimm dies ... Es kam gestern nachmittag.