Ich sitze vor meiner Orgel und spiele und merke während des Spielens, daß hinter meinem Rücken eine Veränderung eingetreten ist, kann mich aber nicht umwenden, sondern muß den Satz zu Ende spielen. Langsam drehe ich mich nun mit dem Sessel, und da sehe ich, daß ich mich oben auf der Orgelempore eines romanischen Domes befinde, dessen gewaltig breites und langes Schiff unter mir liegt, in mittlerer Höhe von einer schönen Galerie kurzstämmiger Säulen und Rundbogen umzogen. Das Licht fällt von rechts durch wundersam farbige Fenster in schrägen und breiten Streifen, die von blutendem Rot, von tiefem Blau und von Goldlicht leuchten. Fern drüben, sehr fern ist der Altar, kahl bis auf ein lebensgroßes Kreuz mit dem Heiland daran, doch muß ich plötzlich erkennen, daß es Erasmus ist, der dort an den Nägeln hängt. Er hebt langsam den Kopf, ich sehe in die hervorquellenden Augen und daß die Lippen sich bewegen und Worte formen. Indem sie aber laut werden wollen, schwindet alles. Ich sitze mit dem Rücken zur Orgel.

Die Worte, glaub ich, hießen: Mich dürstet ...

Ja und dies sonderbare Theater fällt mir noch ein, das es vorgestern nach dem Abendbrot gab. Beim Hinaustreten auf die Veranda geriet ich zwischen diese beiden Großen, Josef und Erasmus, am Tage nach Deiner Abreise traf er ein! — Und da kam es so, daß ich sie fragte: Wer von euch Zweien ist wohl der Stärkere? Sie blinzelten sich ein wenig an, dann griff Josef in die Tasche, holte ein Fünfmarkstück hervor, und nach einigen Magiergesten hielt er mir auf jeder Handfläche eine Hälfte hin. — Taschenspielerei! sagte da sein Bruder, kommandierte darauf: Stillgehalten! packte ihn mit der Rechten unterm Rock beim Hosenbund, mit der Linken unten bei den Füßen und — denke Dir nur! — schwang ihn so über seinem Kopf empor und trug ihn die Treppe hinunter in den Garten und weiter, während Josef steif und still mit hängenden Armen wagerecht lag, rund um den Rasenplatz mit langsamen, hahnentrittartigen Schritten. Mich ergriff doch ein seltsamer Schauder, wie der Riese da so stumm durch die Schattendämmerung mit seiner hoch erhobenen Last einherkam, als sähe ich einen riesigen Sklaven den Leichnam seines Königs heimtragen, und ich war froh, als er ihn wieder auf den Boden stellte ...

Aufrichtig, mein Herz: es hat mit diesen Dingen zwar kaum etwas zu tun, zumal ich von Erasmus seit seinem Herbstaufenthalt bei uns nichts gesehen und kaum etwas gehört habe, — aber: auch in diesem Hause scheint mir nicht alles zu sein, wie es — zu sein scheint. Onkel ist so unruhig und oft geistesabwesend, — hast Du es nicht bemerkt? Josef, den ich fragte, zuckte die Achseln und tat hocherstaunt.

Komm bald zurück! Briefe, diese Brücken des Herzens, sind schön, doch mir ist ängstlich: sie lassen uns glauben, daß wir leichten Herzens wie auf breiter, gemauerter Bogenstraße über einen Strom hinüber gehen zu dem, dem wir schreiben, und hinterdrein wird uns klar, daß wir auf haardünner Schneide über einen Abgrund dahingeschwebt sind, und dann erbebt uns das Herz wie weiland dem Reiter über den Bodensee. Also komm bald zurück, mein Armes, ich küsse Dich innig mit ganzer Seele! Deine

Renate

Neuntes Kapitel: April

Bogner an Renate

Altenrepen, am 7. April

Gute Freundin: