Zwei Dinge hatte ich gleichzeitig zu bemerken, als ich vorgestern in der Arbeit stecken blieb: Erstlich, daß ich plötzlich keine Briefe mehr von Ihnen bekommen habe seit Dezember, — glaubten Sie, Ihre Schuldigkeit getan zu haben, oder wars ein Ärgernis, daß ich über Ihr letztes ‚Wann kommen Sie?‘ stillschweigend hinwegging? Zweitens, daß kein Grund mehr vorlag, weshalb ich nicht die Arbeitsstockung zu einer Reise nach Altenrepen benutzen sollte. Da sitze ich nun am alten Schreibtisch meines Vaters in der alten Nacht, auf dem Sofa hinter mir ist mir ein Bett bereitet, und schreibe Ihnen, in Ihre Schweigsamkeit hinein, nach dem einfachen Gefühl, Ihnen irgend etwas schuldig zu sein, das ich mit der folgenden Beschreibung abstatten will. Morgen vormittag fahre ich zurück, sonst könnte es mündlich geschehn.
Ich kam mit dem Nachtzuge frühmorgens an und ging den ganzen Tag in der Stadt umher. Trotz hundertfacher Veränderung war alles wie dazumal. Davon ist nicht zu reden. Zu sagen höchstens, daß ich selbst als ein so völlig Fremder hier herumgelaufen bin, daß ich kaum noch begriff, weshalb ich kam, und welches Ziel ich hatte. So stand ich erst kurz vor neun Uhr am Abend unter der Gaslampe und vor dem tausendmal gelesenen Porzellanschild tief unten an der Tür, mit dem Namen und Titel meines Vaters. Das Schild: Sprechstunde ... war entfernt, nur die Schraubenlöcher waren noch da und der helle Fleck im Holz, wo es gesessen hatte. Auf mein Klingeln kam lange Zeit niemand. Es war sonderbar, da zu stehn. Endlich hörte ich weiche Sohlen, ein Dienstmädchen auf Strümpfen; ihr Schatten hinterm Glas wurde sichtbar, ein Schlüssel wurde zweimal herumgedreht, eine Kette fiel, die Tür ging auf, ein blondes Mädchen sah mich schläfrig an. Ich sagte meinen Namen, und ob meine Eltern da seien, worauf sich das Mädchen zu der, für alle Fälle geeigneten Antwort entschloß, Herr Sanitätsrat wäre mit Herrn Professor Arnold fortgegangen, aber die gnädige Frau wäre zu Hause. Da trat ich denn — mit Herzklopfen — in den schmalen Flur, hängte Mantel und Hut an die alte Kleiderablage und klopfte an die nächste Tür, vom Eßzimmer. Ich hörte die Stimme meiner Mutter Herein sagen und öffnete. Meine Mutter saß am Tisch, sah mir entgegen; links unter der Hängelampe saß sie, hatte ihr Haushaltsbuch vor sich, eine Hand aufgestützt, in der andern solch einen ganz dünnen, kniffligen Bleistift mit einem kleinen weißen Hornknopf.
Und da war dann doch das, was ich nicht berechnet hatte. Denn meine Mutter war, als ich fortging, 43 Jahre alt, ein ganz blühender Mensch. Nun saß da am Tisch unter der Hängelampe eine alte Frau, grauhaarig, mit verwischten Zügen; eine fremde, eine ganz unbekannte Frau. Das war schrecklich.
Da stand ich und sagte wohl, sie solle nicht erschrecken, ich wär es. Dann schrie sie leicht auf, und ich trat zu ihr und legte einen Arm um ihre Schulter. Es war wie vor fünfzehn Jahren: mehr brachte ich auch als Junge niemals fertig.
Dann saß ich auf dem Stuhl vor der schmaleren Kante des Tisches, wo ich als Junge beim Mittagessen saß, ließ meine Hände streicheln und mich mit geröteten Augen ansehn. Sie fragte und fragte. Dann antwortete ich. Was fragte sie doch?
Ach, du siehst nicht gut aus, sagte sie. Hast du soviel gearbeitet?
Grade zuletzt, sagte ich.
Mein guter Junge!
Ja, Mutter.
Es wird dich niemand mehr erkennen.