Ich bin wohl sehr verändert.
Nur die Augen sind dieselben. Dein Haar ist ja ganz glatt geworden, und — mein Gott, es ist ja ganz grau!
Das kommt wohl mit der Zeit.
Und was für Falten du hast! an den Augen und da am Mund! Gott, eben sahst du genau aus wie Herbert! Und ich mußte den Kopf etwas drehen, damit sie sehen konnte, daß ich genau aussah wie Herbert, mein Bruder. Und dann fragte sie erschreckt, ob ich keinen Hunger hätte, ob ich allein gekommen sei, und ob der Herzog nett sei. Ja, hier würde ich viel verändert finden, seufzte sie dann, und ich fragte nach meinem Vater. Ach, sagte sie, er hat sich ja so wunderbar hineingefunden! — Aber da brach sie in Tränen aus und war lange nicht zu beruhigen. — Es habe wohl so kommen müssen, sagte sie. Die Operation hätte nichts mehr genützt, er sähe fast gar nichts mehr, nur auf dem rechten Auge noch einen Lichtschein. Professor Arnold — ein Universitätsfreund — komme abends zuweilen, und sie tränken ein Glas Bier im Döhrener Turm. Eins hätte der Arzt erlaubt. Er müsse jeden Augenblick zurückkommen. — Nun bemerkte sie, daß meine Augen herumgingen, und sagte, ja, hier hätte sich viel verändert, und sie zeigte mir ein Bild an der Wand, das die Frau meines Bruders gemalt hätte.
Glauben Sie mir, ich habe es doch nicht recht begriffen. Keine Veränderung durch ungeheure fünfzehn Jahre. Da war das Büfett mit seinen gedrehten Säulen und Muscheln, Zinnteller darauf, die waren früher nicht dagewesen, aber sie gehörten doch schon lange dazu, und die Stühle hatten Ledersitze bekommen. Ich ging durch die breit offne Flügeltür ins dunkle Wohnzimmer; mit geschlossenen Augen hätte ich hinten am Fenster auf dem dünnbeinigen Schreibtisch voller Sächelchen die winzige Porzellanbüste von Goethe finden können, — Schiller war immer entzwei. Das Laternenlicht fiel von der Straße durch die Vorhänge herein, und ich nahm einen großen Einsteckrahmen mit Photographien, trug ihn zu meiner Mutter und fragte, und ich höre sie noch erklären:
Das? wer ist das? Erkennst du Herbert? Etwas ernst, nicht? Aber so war er immer. Das daneben ist Cora, findest du sie auch so hübsch? Vater konnte die vielen Sommersprossen nicht leiden, — aber nun sieht er sie ja nicht mehr. Das ist ein Bild vom Vater, das letzte, als er noch sehen konnte. Er hat sich ja nie verändert. Nur der Schnurrbart ist weiß geworden. Tante Agnes kennst du, sie ist jetzt in Göttingen. Das da ist Coras Mutter, etwas aufgeschwemmt, nicht? Ja, daß er grade eine Jüdin heiraten mußte, wo Vater ... den hat es doch recht gekränkt, aber die Kinder wollen nun mal ihre eigenen Wege gehn; und er scheint ja sehr glücklich mit ihr zu sein. Das sind Kränzchenfreundinnen von mir, wir haben ein sehr nettes Kränzchen; sonst — Und nun fiel ihr plötzlich ein, wo sie mich die Nacht hintun solle, und ich müßte auf Vaters Sofa schlafen, und da stand sie schon auf. Ich will gleich dem Mädchen sagen, daß sie es bezieht, sagte sie, und ich könnte ihre Steppdecke bekommen; sie hätten noch geheizt heute, es wollte dies Jahr ja gar nicht warm werden. Sie nahm ihr Schlüsselbund und lief hinaus. Sie ist sechsundfünfzig Jahre alt und noch ganz behende.
Hat sie diese Stunde, diese eine Stunde nun so oft vor sich gesehn, daß sie deshalb nicht ein einziges Mal sagte: Du bist ja da! Oder war es wirklich so einfach, einzutreten und da zu sein, daß alle andern Dinge gleich ebenso wichtig waren, ja, das Bett, in dem ich schlafen sollte, wichtiger, als daß ich überhaupt wieder darin schlief?
Während ich sie nun draußen wirtschaften und mit dem Mädchen verhandeln hörte, Türen gingen, Schranktüren geöffnet und geschlossen wurden, ging ich in den drei, durch offne Flügeltüren verbundenen Zimmern hin und her und dachte wohl dies:
Kindheit, die ich wiedererkenne. Bin ich nun hier zuhause? Bin ich zuhaus? Da ist der alte Geruch, der sich nicht beschreiben läßt, den kein Mensch behalten kann, kein Fremder, aber ich habe ihn wiedererkannt und lieblich gefunden. Was hab ich gemeinsam mit diesen Sesseln und Bildern und Schränken? die Kindheit, die ich wiedererkenne. Es steht wie damals, läßt sich rücken wie damals, — kein Fremder, der sein Gewicht nicht kennt wie ich, würde das so können wie ich. Ein wenig schien mir alles aufgewacht, wie einer, der krank war, nun lange gut schlief und mit halb geöffneten Augen jemand vor sich stehn sieht, ihn halb erkennt und weiterschläft. Mein Vater würde nun kommen und mich nicht sehn, dachte ich, und daß meine Mutter nicht merkte, welch ein Fremder ich hier drinnen war, denn für sie bin ich noch immer der Junge, nur wagt sie nicht recht, es zu zeigen. Bei ihr wäre ich überall zu Hause. Sie aber würde sich nirgend glücklich fühlen, ohne diese Möbel, ohne den Himmel, den sie allabendlich ansieht — ob es auch sternenklar geworden ist —, ohne ihre Küche, den täglichen Mädchenärger, die Einkäufe und kleinen Freuden. Wenn sie vierzehn Tage in einer Stadt, zwei Stunden entfernt, war, wird sie ins Zimmer laufen und sagen: Na, Gott sei gelobt, daß ich wieder da bin! Ach, was ist das für eine sonderbare Güte, die solche Dinge am Herzen hält, die nichts sind, die nie etwas für sie taten, was nicht jeder ähnliche Gegenstand besorgen könnte, die nur durch ihren Gebrauch etwas geworden sind, etwas einziges. Die Erinnerungen freilich ... In diesem Stuhl hatte sie gesessen voll Angst und Unruhe, während mein Vater in der Klinik lag, an diesem Fenster hatte sie gestanden, als der kleine Sarg mit Schwester hinausgetragen wurde, an demselben Fenster hat sie an den Zeugnissonnabenden auf ihre Jungens gewartet, niemals recht erfreut in Herberts Erwartung, weil immer in Sorge, in Hoffnung wieder und immer enttäuscht durch den Andern. Auf diesem Sofa hatte sie ihre Schwiegertochter erwartet, mit dem geheimen Gefühl: Vater mag sie nicht. Aus diesem Fenster hat sie die Jahre lang hinausgesehn, ob keiner die Straße herauf käme, ein ungelenker, ruppiger Bursch, in sich verbissen, kalt und ohne Zärtlichkeit. Hier drinnen ist ihr alles geschehn. Hier hat sie alle Mahlzeiten gerichtet und den Mädchen ihren Lohn gezahlt, auf diesem einen Tisch hat sie ihre Briefe geschrieben, ihre Rechnungen gemacht, ihre kleinen Notizen im Kalender, ihre abendlichen Patiencen gelegt, ihre Wäsche gestopft und Stickereien gearbeitet. Auf diesem Tisch liegen ihre sechsunddreißig Ehejahre aufgehäuft, tausend und tausend mittelgroße Sorgen, Ärgernisse, Widerspänstigkeiten, Hoffnungen, Wünsche, Ergebungen, Tränen, Bangnisse, Sorgen und Sorgen. Wieviel große Schmerzen? Und keine einzige Seligkeit. Sie hat nie Großes empfinden dürfen, sie hatte immer zuviel zu tun! — In drei bis sieben Zimmern, vor acht Fenstern, vor einer Straße.
Am Ende aber von alledem wird sie gerne sagen: Es war nichts Einzelnes, freilich, aber es war doch viel; so viel, daß es gut war, schön war und so, wie es sein muß. — Es hätte alles anders sein können und wäre das gleiche gewesen. Nur ein Mensch war nötig, für den sie sorgen konnte; dann war sie zuhaus.